Von Syrien nach Vaduz: Liechtenstein wird für zwei kurdische Mädchen neue Heimat

Seit fast drei Jahren wohnen Jwana und Rozana mit ihrer Mutter dank des UNHCR-Resettlement-Programms mit Liechtenstein in Triesen. Nach sehr kurzer Zeit haben sie sich schon ein reiches Sozialleben und eine berufliche Zukunft aufgebaut.

Jwana (rechts) und Rozana (links) wohnen dank des UNHCR-Resettlement-Programms schon seit fast drei Jahren mit ihrer Mutter in Liechtenstein. © UNHCR/Mark Henley

Jwana und Rozana hätten nicht geglaubt, dass sie sich hier einmal heimisch fühlen würden. Als die Schwestern aus Syrien erfuhren, dass sie in Liechtenstein leben sollten, dachten sie erst, dass Land sei in der Nähe von China – wegen der Aussprache, die auf beide sehr asiatisch wirkte. Als sie im Sommer 2015 im Fürstentum ankamen, entdeckten sie nicht nur die Ruhe – Liechtenstein zählt etwa 38’000 Einwohner – sondern auch die Berge, zu denen vor allem Jwana Anfangs ein schwieriges Verhältnis hatte: „Die sind hier so nah, ich hatte das Gefühl, dass sie mich erdrücken. Vor allem nachts wirkten sie auf mich sehr bedrohlich“, erzählt sie. „Mittlerweile ist die Angst aber weg.“

Jwana (19) und Rozana (17) sind 2014 zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester (die mittlerweile in Deutschland lebt) aus Syrien in die Türkei geflohen. Sie kommen aus Amude, einer kurdisch geprägten Stadt im Norden Syriens. Nachdem ihr Haus bombardiert worden war, wollten sie das Land so schnell wie möglich verlassen. Zwei andere Schwestern waren zu diesem Zeitpunkt bereits in Schweden, die eine verheiratet mit einem Schweden mit kurdischen Wurzeln, die andere mit einem Studentenvisum. Der Vater war 10 Jahre zuvor an einer Krankheit gestorben.

 

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Rozana (17, links) und Jwana (19, rechts) sind 2014 zusammen mit ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aus Syrien in die Türkei geflohen. © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Als alleinstehende Frauen kurdischer Herkunft fiel die Familie in die Gruppe der besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge und kam daher für das UNHCR-Resettlement-Programm in Frage. © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Die Familie konnte es kaum glauben als sie für das Resettlement-Programm ausgewählt wurde: „Es war alles ein bisschen hektisch, aber wir freuten uns so sehr, in Europa ein neues Leben aufbauen zu können.“ © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Im Fürstentum angekommen, war für Rozana und Jwana oberste Priorität, so schnell wie möglich wieder in die Schule zu gehen, weshalb sie einen intensiven Deutschkurs absolvierten. © UNHCR/Mark Henley

 

Als alleinstehende Frauen kurdischer Herkunft fiel die Familie in die Gruppe der besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge und kam daher für das Resettlement-Programm des UNHCR in Frage. Dank dieses Programms können einige Flüchtlinge sicher und mit Zustimmung des Zielstaats in ein anderes Land weiterwandern. Liechtenstein hat im Rahmen dieses Programmes 6 Familien aus Syrien aufgenommen.

„Als der erlösende Anruf kam, hiess es, dass unser Flug in zwei Tagen gehen würde. Es war alles ein bisschen hektisch, aber wir freuten uns so sehr, in Europa ein neues Leben aufbauen zu können.”

Jwana und Rozana fiel ein Stein vom Herzen als sie für das Resettlement-Programm mit Liechtenstein ausgesucht wurden.

 

Die zwei Jahre in der Türkei, die vergingen, bis die Familie vom UNHCR informiert wurde, dass sie von Liechtenstein aufgenommen würden, war für sie eine Zeit voller Ungewissheit. „Wir mussten mehrfach umziehen, gingen nicht in die Schule und warteten“, erinnert sich Rozana. Das Mobiltelefon war in dieser Zeit der wichtigste Gegenstand der Familie und wurde nie aus den Augen gelassen – auf keinen Fall wollten sie den Anruf des UNHCR verpassen. „Als der erlösende Anruf kam, hiess es, dass unser Flug in zwei Tagen gehen würde. Es war alles ein bisschen hektisch, aber wir freuten uns so sehr, in Europa ein neues Leben aufbauen zu können, auch wenn wir nicht genau wussten, was uns in Liechtenstein erwartet.“

Im Fürstentum angekommen, war für Rozana und Jwana oberste Priorität, so schnell wie möglich wieder in die Schule zu gehen. Deshalb absolvierten sie einen neunmonatigen Deutsch-Intensivkurs. In ihrer Freizeit schauten sie zusätzlich auf Youtube deutschsprachige Videos mit arabischen Untertiteln. Trotz dieser Anstrengungen waren die ersten Wochen in der Schule – Rozana in der 3. Klasse der Oberschule, Jwana im 10. Schuljahr in Vaduz – schwierig. „Wir haben unsere Mitschüler kaum verstanden, da diese untereinander auf Schweizerdeutsch redeten“, erzählen sie. Zudem kam, dass die beiden Anfangs von den Mitschülern nicht ganz ernst genommen wurden: „Die meisten dachten, dass Syrien ein Dorf mit schlechter Schulausbildung ist. Dabei war ich dort auf dem Gymnasium: Vom Unterrichtsstoff her war es in Liechtenstein nicht schwieriger. In einem Referat über mein Heimatland konnte ich mit diesen Vorurteilen aufräumen“, sagt Jwana.

 

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Obwohl die ersten Wochen in der Schule hart waren, konnten die beiden Mädchen ihre Mitschüler schliesslich durch ihre offene Art für sich gewinnen. © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Rozana ist sehr sportlich, tanzt und klettert gerne. Sehr schnell fand sie einen Nebenjob in einem Seilpark. Bald wir sie auch ihre Ausbildung als Pharmaassistentin beginnen. © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

Jwana fand Anschluss, indem sie sich in verschiedenen Schulinitiativen engagierte, wie zum Beispiel einem Hilfsprojekt für Kenia. Letzten Herbst hat sie eine Ausbildung zur Dentalassistentin angefangen. © UNHCR/Mark Henley

Liechtenstein. Speedy integration in resettlement program, by Syrian teenagers

„Die Sicherheit in dem Land und die Tatsache, mit Fleiss und Disziplin hier etwas erreichen zu können, hat uns die Integration sehr erleichtert." Jwana und Rozana sind mittlerweile bestens integriert und blicken optimistisch in die Zukunft. © UNHCR/Mark Henley

 

Die beiden Mädchen konnten die Gleichaltrigen schliesslich durch ihre offene Art für sich gewinnen. Rozana ist sehr sportlich, tanzt und klettert gerne. Sehr schnell fand sie einen Nebenjob in einem Seilpark. Jwana fand Anschluss, indem sie sich in verschiedenen Schulinitiativen engagierte, wie zum Beispiel einem Hilfsprojekt für Kenia. In ihrer Freizeit geht sie am liebsten mit ihren Freundinnen shoppen. Nach der Schule hat Jwana letztes Jahr im Herbst eine Ausbildung zur Dentalassistentin angefangen und geht dafür einmal in der Woche in die Berufsschule in Chur. Dass sie diesen Ausbildungsplatz ohne Hilfe der Behörden ganz alleine gefunden hat, macht sie stolz. „Mein Traum ist es, nach der Ausbildung Zahnmedizin zu studieren.“ Auch Rozana hat ambitionierte Pläne. Am 1. August wird sie ebenfalls eine Ausbildung beginnen, als Pharmaassistentin.

“Die Sicherheit in dem Land und die Tatsache, mit Fleiss und Disziplin hier etwas erreichen zu können, hat uns die Integration sehr erleichtert.“

Gut integriert hegen Jwana und Rozana grosse Pläne für ihre Zukunft in Liechtenstein.

 

Beide sehen ihre Zukunft in Liechtenstein. Nach Syrien haben die Schwestern keine Verbindung mehr, alle ihre Freunde und Verwandten haben das Land verlassen. „Es ist verrückt: Manchmal haben wir das Gefühl, hier grossgeworden zu sein. Die Sicherheit in dem Land und die Tatsache, mit Fleiss und Disziplin hier etwas erreichen zu können, hat uns die Integration sehr erleichtert“, sagen sie.

Ihre Muttersprache Kurdisch ist mittlerweile durchmischt mit deutschen Wörtern und Mundart. Noch schlimmer steht es um ihre Arabischkenntnisse – eine Sprache, die sie in Syrien erst in der Schule gelernt haben. „In unsere Praxis kommen manchmal arabischsprachige Personen und mein Chef möchte dann, dass ich übersetze. Da ich die Sprache aber kaum noch höre oder spreche, muss ich mich auf diese Patienten im Voraus immer vorbereiten und bestimmte Wörter nachschlagen“, erzählt Jwana voller Energie und mit ihrem Sinn für Selbstironie – Eigenschaften die ihr und ihrer Schwester eine erfolgreiche Zukunft im Fürstentum versprechen.

Mehr Informationen dazu finden Sie auf unserer Webseite zu Resettlement.