UNHCR-Operationen drastisch unterfinanziert – Flüchtlinge und Binnenvertriebene sind die Leidtragenden

Die Hilfsmassnahmen von UNHCR sind zu einem immer geringer werdenden Teil gedeckt. Die Folgen dieser Entwicklung werden nun für Flüchtlinge und Binnenvertriebene weltweit spürbar.

Rückkehrer aus Burundi im Dorf Higiro in Bwasare im Norden Burundis am 11. April 2018. © UNHCR/Georgina Goodwin

Die finanziellen Mittel für die Unterstützung geflüchteter und staatenloser Menschen werden immer knapper, kaum mehr als die Hälfte des weltweiten Bedarfs wird gedeckt. Die Not und das Risiko der Flüchtlinge, der Vertriebenen und aber auch ihrer Aufnahmegesellschaften vergrössern sich zunehmend. Dies geht aus einem neuen Bericht hervor, der heute vom der Abteilung für Geberbeziehungen von UNHCR (Donor Relations and Resource Mobilization Service, DRRM) veröffentlicht wurde.

68,5 Millionen Menschen waren zum Stichtag 31.12.2017 weltweit auf der Flucht. Kaum je zuvor waren Gelder der Weltgemeinschaft für die Finanzierung von Flüchtlingssituationen und Binnenvertriebenen dringender notwendig. Basierend auf den bisherigen Beiträgen rechnen wir damit, dass 2018 nur 55 Prozent der benötigten 8,2 Milliarden Dollar finanziert werden. Im Jahr 2017 waren es noch 56,6 Prozent, im Jahr 2016 58 Prozent. Die Finanzierung unserer Organisation durch Regierungen sinkt also immer weiter, während die Anzahl der Geflüchteten weltweit zunimmt.

Vor allem für Flüchtlinge und Binnenvertriebene werden die Folgen dieser Entwicklung nun spürbar. In immer mehr Ländern beobachten wir sich ausweitende Unterernährung, überfüllte Gesundheitseinrichtungen, mehr verfallende Wohnungen und Unterkünfte, überfüllte Klassenzimmer oder Kinder ohne Schulunterricht sowie sich wegen Personalmangel vergrössernde Risiken für unbegleitete Kinder oder Opfer von sexueller Gewalt.

Sechs Flüchtlings- und Binnenvertriebenensituationen sind weltweit besonders stark betroffen: Burundi, die Demokratische Republik Kongo, Afghanistan, Südsudan, Syrien und Somalia.

UNHCR dankt insbesondere den Gebern flexibler Mittel, deren Unterstützung unerlässlich war, um die Auswirkungen der Finanzierungslücke abzufedern. Flexible Mittel können wir dorthin leiten, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Burundi-Situation

Die Flüchtlingssituation in und um Burundi ist die derzeit am schlechtesten finanzierte Situation weltweit. Bis jetzt sind nur 28 Prozent der benötigten 206 Millionen US-Dollar eingegangen. Die Auswirkungen auf die 400,000 Flüchtlinge in den Nachbarländern sind akut.

Kürzungen bei der Nahrungsmittelversorgung haben dazu geführt, dass die Flüchtlinge nicht mehr in der Lage sind, ihre Familien zu ernähren. Die Unterkünfte sind teils in sehr schlechtem Zustand, die Gesundheitszentren kämpfen mit der Zahl der Patienten, die Klassenzimmer sind überfüllt und die Möglichkeiten, unbegleiteten Kindern und Opfern sexueller Gewalt zu helfen, sind sehr begrenzt.

In Tansania leben rund 52 Prozent der über 230,000 burundischen Flüchtlinge auch Jahre nach ihrer Ankunft noch in Notunterkünften, die für kurzfristige Nutzung gedacht waren. Fast 18.000 Flüchtlingskinder werden, weil es keine Schulgebäude gibt, im Freien unterrichtet.

In der ugandischen Siedlung Nakivale gibt es für Tausende von Flüchtlingsfamilien nur wenige, überfüllte Sanitäranlagen, was das Risiko von ansteckenden Krankheiten mit sich bringt. Gleichzeitig bedeutet dieser Zustand einen Mangel an Privatsphäre und der birgt besondere Risiken für Frauen und Kinder. Bildungsangebote sind begrenzt, es gibt zu wenig Lehrmaterial und zu wenige Klassenräume.

Aus Mangel an Fördergeldern ist die Bargeldhilfe im ruandischen Camp Mahama für 19.500 Familien eingestellt worden. Das UNHCR-Programm unterstützte Flüchtlinge direkt mit Bargeld und ermöglichte es ihnen, ihre eigenen Grundbedürfnisse zu decken.

Kongo-Situation

In der von Konflikten betroffenen Demokratischen Republik Kongo (DRK) und in den Ländern, die kongolesische Flüchtlinge aufnehmen, hat UNHCR von den insgesamt 369 Millionen US-Dollar, die für seine Programme und die seiner Partner benötigt werden, bisher nur 31 Prozent erhalten.

Wegen der begrenzten Mittel mussten Programme gekürzt werden, die es – insbesondere jungen – Flüchtlingen ermöglichen sollten, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Ebenfalls beschnitten werden mussten Bildungs- und Gesundheitsprogramme. In den Aufnahmeländern, die fast 800.000 Flüchtlingen Schutz bieten, sind die Siedlungen und Camps voll ausgelastet, und es kommen weitere Flüchtlinge hinzu.

Mindeststandards für die Verteilung von Lebensmitteln, für Gesundheitsdienstleistungen und die Unterstützung in anderen Grundbedürfnissen sind oft schwer zu erfüllen. Innerhalb der Demokratischen Republik Kongo sind dringend Gelder notwendig, um überfüllte Camps zu entlasten und um Massnahmen gegen ansteckende Krankheiten durchzuführen.

Afghanistan-Situation

In Afghanistan dauern die Konflikte nun beinahe schon 30 Jahre an. Rund 2,4 Millionen Afghanen leben im benachbarten Pakistan und im Iran als Flüchtlinge und etwa 1,9 Millionen Menschen sind innerhalb Afghanistans auf der Flucht. Der Finanzbedarf für diese drei UNHCR-Operationen für 2018 beträgt 304 Millionen US-Dollar, davon sind nur 32 Prozent gedeckt.

In Afghanistan wirkt sich dies auf die Aktivitäten an 60 Standorten aus. Dazu gehört die Unterstützung von rund 132.700 afghanischen Familien bei der Rehabilitation und der Entlohnung für Wiederaufbaumassnahmen, die Bereitstellung von solarbetriebenen Beleuchtungssystemen für Wohnhäusern, die Unterstützung von Kleinstunternehmen und die Bereitstellung von Rückzugsräumen für Frauen und Jugendliche.

In Pakistan, das rund 1,4 Millionen afghanische Flüchtlinge aufgenommen hat, beeinträchtigt der finanzielle Engpass die kostenlose Grundschulbildung von 57.000 Flüchtlingskindern und die grundlegende Gesundheitsversorgung in 54 Flüchtlingssiedlungen. Eingeschränkter Zugang zu Sozialleistungen wie Gesundheitsversorgung und Bildung, und weniger Unterstützung für die eigene Existenzsicherung könnten Flüchtlinge dazu zwingen, auf die Flucht zu begeben.

Im Iran bedeutet der Finanzierungsengpass, dass weniger vulnerable Flüchtlinge von einer subventionierten Krankenversicherung profitieren können, die wenigsten können die nicht-subventionierten Kosten stemmen. Weniger Unterstützung für das System medizinischer Erstversorgung bedeutet ein sinkendes Angebot an entlegenen Orten. Weniger Investitionen in das Bildungssystem bedeuten weniger afghanische Kinder in iranischen Schulen.

Südsudan-Situation

Der anhaltende Konflikt im jüngsten Land der Welt hat rund 2,4 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht, weitere zwei Millionen sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Der finanzielle Bedarf für ihre Unterstützung beläuft sich 783 Millionen US-Dollar – er ist nur zu 33 Prozent gedeckt.

Ohne ausreichende Mittel wird die Nahrungsmittelversorgung der Flüchtlinge häufig unterbrochen. In den Aufnahmeländern gibt es Meldungen von vielen Fällen akuter Unterernährung (GAM) und schwerer akuter Unterernährung (SAM).  Diese kommen zu den bereits bestehenden Risiken für südsudanesische Flüchtlinge in den umliegenden Ländern, insbesondere für Frauen, Kinder und Jugendliche.

Eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln gab es nur in Kenia und Uganda und für drei Viertel der Flüchtlinge in der Zentralafrikanischen Republik. Nur etwa 7 Prozent der südsudanesischen Flüchtlinge leben in quasi-permanenten Unterkünften.

Im Sudan haben rund 80.000 Flüchtlinge in allen 10 Camps noch immer keinen Zugang zu Sanitäranlagen. In einigen Fällen müssen sich über 70 Personen eine einzige provisorische Toilette teilen. Rund 57.000 Flüchtlinge, die in informellen Siedlungen in Khartum leben, tun dies ganz ohne Unterstützung.

In Uganda bedeuteten die begrenzten Ressourcen, dass nicht genügend Personal zur Verfügung steht, um die Qualität des Kinderschutzes und eine angemessene Betreuung von Kindern in Betreuungseinrichtungen zu gewährleisten. Auf 150 Kinder kommt ein Erzieher – obwohl etwa 63 Prozent aller Flüchtlinge im Land Kinder sind. Auch die Wasserversorgung der Flüchtlinge bleibt hinter dem Bedarf zurück.

Syrien-Situation

Etwa 5,6 Millionen syrische Flüchtlinge in der Region und weitere 6,2 Millionen Vertriebene in Syrien sind direkt von der Finanzierungslücke betroffen. Der von UNHCR berechnete Bedarf von 1,968 Milliarden US-Dollar für die Syrien-Situation ist derzeit nur zu 35 Prozent gedeckt.

UNHCR arbeitet mit Partnern zusammen, um 1,3 Millionen syrischen Flüchtlingen in der Region sowie 1,35 Millionen Binnenvertriebenen und Rückkehrern in Syrien Unterstützung und Winterhilfe zukommen zu lassen. Bargeldhilfe im Winter ist besonders im Libanon und in Jordanien ein effizientes und entscheidendes Mittel zur Unterstützung von Flüchtlingen.

Ohne zusätzliche Mittel wird die Bargeldhilfe ab November eingestellt. Dies könnte verheerende Auswirkungen auf die Flüchtlingsfamilien in Jordanien und im Libanon haben, wo die Mehrheit unterhalb der Armutsgrenze lebt. Rund eine halbe Million Flüchtlinge ist auf Bargeldhilfe angewiesen, um Miete zu zahlen, den täglichen Bedarf zu decken und den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu behalten.

Steigende Gesundheitskosten könnten bedeuten, dass sich Flüchtlingsfamilien nicht einmal mehr die notwendigsten medizinische Grundversorgungen leisten können, wie z.B. Kinderimpfungen. Für etwa 35.000 bedürftige syrische Flüchtlinge in der Region werden Mittel für die medizinische Versorgung benötigt, insbesondere in Jordanien und im Libanon.

Somalia-Situation

Über eine Million somalische Flüchtlinge haben in sechs Ländern Zuflucht gefunden, weitere zwei Millionen Menschen sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Der von UNHCR errechnete Bedarf von 522 Millionen US-Dollar für die Situation in Somalia ist bisher zu 37 Prozent gedeckt.

Nach jahrzehntelangem Konflikt haben die Somalier einige Fortschritte gemacht, aber die Situation ist nach wie vor instabil, weitere Unterstützung wird gebraucht. Sollte die Unterstützung von Flüchtlingen und Aufnahmegemeinschaften scheitern, könnte das die humanitäre Situation verschlechtern, würde bei den Aufnahmeländern den Eindruck erwecken, im Stich gelassen zu werden. Ausserdem könnte mangelnde Unterstützung der Flüchtlinge diese zur vorzeitigen Rückkehr bewegen, noch bevor die somalische Regierung bereit ist, die Rückkehrer aufzunehmen.

Weitere Informationen zu den am stärksten unterfinanzierten Situationen finden Sie in der hier verfügbaren Broschüre (engl.).