Über Nacht zum Pianisten

Hani spielt nach zwei Jahren Chopin und Einaudi auf dem Klavier. Beigebracht hat er sich das selbst.

Hani hat ein neues Hobby für sich entdeckt. Das Klavierspielen brachte er sich selbst bei. © UNHCR/S. Steindl

„Jeder schläft und ich bin wach und spiele. In der Nacht herrscht eine besondere Stimmung.“

Hani Abo Harbah Alnaeb ist 15 Jahre alt, als er mit seinen Onkeln Syrien verlassen muss. „Die Bomben fielen in unmittelbarer Nähe“, beschreibt er die Lage in seinem Heimatland. Über die Türkei und Griechenland flüchtet er nach Österreich. Bis zu diesem Zeitpunkt hat Hani noch nie ein echtes Klavier gesehen.

In Österreich angekommen, beginnt für den Teenager keine leichte Zeit. Seine Eltern, die beiden Schwestern, sowie sein Bruder befinden sich noch in Hama, seiner Heimatstadt in Syrien. Der Teenager wird seine Familie erst 2 Jahre später wiedersehen, als diese 2017 nach Österreich nachkommt.

Hani floh 2015 mit seinen Onkeln aus Syrien. In Österreich lernte er schnell Deutsch und bekam die Möglichkeit eine Gastgewerbefachschule zu besuchen. © UNHCR/S. Steindl

„Wenn du etwas verändern willst, dann musst du etwas riskieren. Und ich wollte mein Leben verändern“, sagt Hani später über die schwierige Anfangszeit in Österreich. Er beginnt Deutsch zu lernen und besucht eine Gastgewerbefachschule, um sich seinen Traum, später einmal ein eigenes Restaurant zu eröffnen, zu erfüllen. Dafür steht er jeden Tag um 6 Uhr morgens auf und kommt erst abends um 17 Uhr wieder nach Hause. An die Schuluniform, die er dort tragen muss, gewöhnt er sich schnell. Nach der Schule ist Hani meist müde und schläft ein wenig. Wieder aufgewacht, erledigt er seine Hausübungen. Dann beginnt für Hani der Tag – oder besser gesagt: die Nacht. Denn der Teenager hat eine neue Leidenschaft für sich entdeckt.

„Dem Pianospielen schenke ich meine gesamte Freizeit“, sagt Hani. Für sein junges Alter wirkt er sehr reif. Hani bringt sich auf einem elektronischen Keyboard das Klavierspielen bei. Um niemanden zu wecken und weil der restliche Tag die Zeit nicht hergibt, übt er nachts in seinem Zimmer. Schlafen sieht er außerdem als „Zeitverschwendung.“ Denn die Nacht hat für ihn etwas Magisches: „Jeder schläft und ich bin wach und spiele. In der Nacht herrscht eine besondere Stimmung.“

Mit Musik hatte Hani in Syrien zuvor nicht viel zu tun. Ein echtes Klavier sah er zum ersten Mal in Österreich. © UNHCR/S. Steindl

Anhand von YouTube-Videos übt er Taste für Taste das Klavierspielen. Bald wird Hani auf „Open Piano for Refugees“ aufmerksam. Die OrganisatorInnen der Idee platzieren frei zugängliche Flügel an öffentlichen Plätzen und schaffen so einen Ort, an dem sich alles um Musik dreht und Musikbegeisterte aufeinandertreffen. Von da an übt Hani jede Nacht und nach nur zwei Jahren beherrscht er das Klavierspielen wie ein Profi. Sein Talent bleibt nicht unbemerkt. Bei einem Workshop, unter der Leitung des berühmten Cellisten Yo-Yo Ma, sitzt Hani am Klavier ganz vorn mit dabei.

„Europa hat für mich die Tore zur Musik geöffnet“, beschreibt Hani seine Liebe zum neuen Hobby. Auf der Liste seiner Lieblingsmusiker steht Chopin ganz oben. Mozart hingegen ist dem jungen Mann zu „unruhig“. Viel lieber mag er romantische Lieder. „Nocturne Opus 9 No.2“ von Chopin etwa spielt er fehlerfrei nach.

Ob Hani mit seinem Talent Karriere machen möchte? – Nein. „Ich liebe es. Aber es ist ein Hobby – nicht mehr“, sagt der „self-made” Pianist.