„Ich hoffe, die Menschen vergessen nicht.“ Das Tagebuch einer humanitären Helferin in Aleppo

Das Tagebuch der UNHCR-Mitarbeiterin Yumiko Takashima zeigt, wie es ist, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten.

Yumiko Takashima trifft den siebenjährigen Subhi, der sehbehindert ist, in Aleppo. ©UNHCR/Antwan Chnkdji

Yumiko Takashima arbeitet für UNHCR in Syrien, – über 8.700 Kilometer von ihrer Heimatstadt Tokio entfernt. Sie ist seit zwanzig Jahren Teil des UN-Flüchtlingshochkommissariats und hat bereits in Timor-Leste, Sudan, Thailand, Afghanistan und in anderen Ländern gearbeitet. Seit 2018 ist sie in Aleppo stationiert.

Mehr als 5,6 Millionen Menschen sind seit 2011 vor dem syrischen Bürgerkrieg geflohen und suchen Sicherheit in Ländern wie der Türkei, dem Libanon oder Jordanien. Mehrere Millionen Menschen wurden innerhalb Syriens vertrieben.

Yumiko erzählt uns, wie es ist, jeden Tag an einem der schwierigsten Orte der Welt zu leben und zu arbeiten.

Ein Mann spaziert durch die zerstörten Straßen Aleppos, Feburar 2019. © UNHCR/Antwan Chnkdji

05:00 Uhr: Mein Handywecker klingelt. Ich zwinge mich aus dem Bett, um joggen zu gehen. Bewegung ist sehr wichtig… besonders in einer Stadt wie Aleppo, in der das lokale Essen so lecker ist! Meine neu entdeckte Liebe ist Kabab bil Karaz (Kirschkebab). Vor der Krise war Aleppo das wirtschaftliche Zentrum Syriens und bekannt für seine großen Märkte, traditionellen Produkte wie Seifen und seine Delikatessen wie Kebeh und Mahashi (mit Hackfleisch gefüllte Auberginen und Zucchini).

Wir müssen zur Zeit aus Sicherheitsgründen in einem Hotel wohnen, deshalb jogge ich ein paar Runden im kleinen Garten des Hotels. Das Leben in einem Hotel ist nicht so glamourös, wie es sich anhört, und man vermisst hier schnell, was einen Ort zu einem Zuhause macht, wie das Kochen in der eigenen Küche zum Beispiel. Aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Also haben wir eine kleine Küche in einem Gemeinschaftsraum eingerichtet, in der wir kochen können.

Yumiko lernt ein Kinderzentrum in Aleppo kennen. © UNHCR/Hameed Maarouf

08:00 Uhr: Nach einem schnellen Frühstück sitze ich im Auto und bin bereit, ins Büro zu fahren. Das Büro ist nur 10 Minuten entfernt, aber aus Sicherheitsgründen müssen wir jeden Tag eine andere Route wählen. Wir fahren überall in gepanzerten Fahrzeugen hin.

Die Hälfte der Stadt Aleppo wurde im Krieg zerstört. Die andere Hälfte ist intakt. Eine Straße teilt die beiden Seiten. Wenn ich in der Mitte dieser Straße stehe, fühle ich mich wie in einem Film – eine Seite ist zerstört und die andere intakt – es ist so unwirklich, aber es ist real. Der Bedarf an Hilfe hier ist immens. Mehr als 990.000 Menschen in und um Aleppo wurden aus ihren Häusern vertrieben. Inzwischen sind 161.000 nach Hause zurückgekehrt. UNHCR unterstützt Familien, die zurückkehren, mit Unterstützungsprogrammen, die darauf abzielen, die Bedingungen für die Rückkehr nach Hause zu verbessern. Wir schätzen, dass in und um Aleppo ungefähr 1,4 Millionen Menschen in Not sind. Hinter jeder dieser Zahlen stehen echte Menschen.

Und deshalb bin ich hier: Es geht darum, wie wir Menschen uns untereinander helfen können. Mich überrascht immer wieder, wie widerstandsfähig die Menschen hier sind. Vielleicht ist das, was ihr über Aleppo gehört habt nicht, wie es wirklich ist. Die Menschen blicken nicht zurück, obwohl sie mit sehr schwierigen Situationen konfrontiert wurden. Sie wollen nur noch vorwärts gehen und Normalität in ihr Leben bringen. Und wir können diesen Menschen, die gerade in dieser Krise sind, helfen weiterzumachen.

Yumiko trifft die 79-jährige Um Bassam, die nach Aleppo zurückgekehrt ist, um ihr Leben inmitten der Verwüstung wieder aufzubauen.                          © UNHCR/Antwan Chnkdji

08:15 Uhr: In der Arbeit angekommen, nehme ich mir erstmal 15 Minuten Zeit, um in Ruhe durchzugehen, was an diesem Tag ansteht, welche Aufgaben Priorität haben und wie ich mit anstehenden schwierigen Besprechungen umgehen soll. Diese 15 Minuten sind mir sehr wichtig, denn sie helfen, mich zu konzentrieren. Als erstes steht heute ein Teammeeting an. Im Moment arbeiten hier in Aleppo etwa 60 Leute von uns, darunten 52 nationale KollegInnen. Viele von ihnen haben im Krieg Familienangehörige verloren. Trotzdem machen sie weiter. Es ist eine große Ehre, Teil eines so starken und motivierten Teams zu sein.

11:00 Uhr: Ich mache mich mit meinem Kollegen Mustafa auf den Weg, um ein von UNHCR geführtes Gemeindezentrum zu besuchen und sicherzustellen, dass unsere Aktivitäten auf dem richtigen Weg sind. In diesen Zentren bieten wir verschiedene Dienstleistungen, wie Rechtsberatung, Berufsberatung, Berufsausbildung und außerdem Aufholkurse für Kinder an, die aufgrund der Krise die Schule verpasst haben. Kinder sind die Zukunft Syriens und wir wollen sicherstellen, dass sie nicht zurückgelassen werden.

Ein Gemeindezentrum ist mehr als nur ein Gebäude, in dem Menschen auf Schutzangebote und Informationen zugreifen können. In diesem Raum treffen sich Menschen und diskutieren, was sie selbst für sich in ihren Gemeinden tun möchten. Derzeit unterstützt UNHCR 22 Gemeindezentren und 10 kleinere Zentren in Aleppo. Wir haben auch 28 mobile Teams, die in kleine, abgelegene Dörfer fahren, um sicherzustellen, dass die Familien dort die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Diese Teams bestehen aus Freiwilligen vor Ort, die ihre Gemeinden am besten kennen.

Yumiko spricht mit jungen Frauen und Mädchen in einem Gemeindezentrum in Aleppo. © UNHCR/Antwan Chnkdji

14:00 Uhr Ich treffe mich mit den MitarbeiterInnen einer nationalen Organisation, die UNHCR bei der Verteilung von Wintersachen unterstützt. Wir beschäftigen uns immer noch sehr intensiv mit Notfällen in verschiedenen Teilen Aleppos. Wir sind da, um zu helfen, um Obdach und grundlegende Dinge wie Decken, Kanister zum Speichern von Wasser und mehr bereitzustellen. Im Winter ist es hier extrem kalt. Deshalb stellen wir Materialien, wie durchsichtige Plastikfolien zur Verfügung, mit denen Familien zerstörte Fenster und Türen abdecken und sich so vor der Kälte schützen können. Im vergangenen Winter haben wir über 215.000 Menschen in der Region mit wichtigen Dingen wie Schlafsäcken, Winterjacken, Decken und Plastikplanen unterstützt.

18:00 Uhr Die meisten MitarbeiterInnen verlassen das Büro, bevor es dunkel wird – zu unserer Sicherheit. Wenn ich wieder im Hotel bin, arbeite ich weiter, beantworte E-Mails und bereite mich auf den nächsten Tag vor, manchmal bis spät in die Nacht. Wenn man mich bitten würde, diesen Job zu beschreiben, würde ich sagen, dass es kein Job ist, sondern eine Berufung. Ich bin so glücklich, dass ich hier sein kann. Auch wenn es schwierig ist, von meiner Familie und meinen Freunden fern zu sein.

Wir wollen etwas tun, wenn wir Mitmenschen leiden sehen. Aber wir sind nicht immer in der Lage, so viel zu tun, wie wir gerne möchten. Dann hören wir den Menschen zu und zeigen, dass uns wichtig ist, was sie zu sagen haben. Wir haben großes Glück, das hier in Aleppo tun zu können. Ich hoffe, die Menschen vergessen die vertriebenen Familien hier nicht, die Hilfe brauchen. Es sind Menschen wie Du und ich, die sich unschuldig in dieser schwierigen Situation befinden. Ich weiß, es ist so einfach zu vergessen, was in der nächsten Stadt, im nächsten Land und auf dem nächsten Kontinent vor sich geht. Aber ich sehe, was passiert, wenn man hilft. Die Leute sind stark. Mit ein wenig Unterstützung können sie ihr Leben fortsetzen.

Vor einiger Zeit unterstützte UNHCR bei der Installation von Straßenlaternen in einem Bereich von Aleppo. Das Beleuchten der Straßen bedeutet, dass das Leben nach Einbruch der Dunkelheit weitergehen kann: Die Menschen fühlen sich sicherer und können sich leichter fortbewegen, Kinder können abends ihre Hausaufgaben machen, Familien müssen nicht mehr im Dunkeln sitzen. Es geht hier nicht nur um das Licht an sich, sondern um Hoffnung, die den Menschen damit gegeben wird. Als das Licht anging, kam eine alte Dame aus ihrem Haus und umarmte mich, weinte und zeigte mit dem Finger auf das Licht. Sie sprach kein Wort Englisch und mein Arabisch ist schrecklich, aber wir brauchten keine Worte, um uns zu verstehen. In solchen Zeiten fühle ich mich so privilegiert, in Aleppo zu arbeiten.

UNHCR leistet für die EinwohnerInnen von Aleppo lebensrettende Hilfe, einschließlich der hier gezeigten Küchensets. © UNHCR/Antwan Chnkdji