Libyen: Verschärfung der humanitären Krise aufgrund von Konflikten und COVID-19-Bedrohung

UNHCR fordert weiterhin die geordnete Freilassung jener Asylsuchenden und Flüchtlinge, die sich aufgrund fehlender rechtlicher Dokumente in Haft befinden.

Ein UNHCR-Mitarbeiter bereitet Hilfsgüter zur Verteilung an gefährdete Vertriebene in Libyen vor, Februar 2020. © UNHCR/Walid Ben Rahouma

Ein Jahr nach dem Beginn der Militäroffensive in Tripolis, Libyen, haben sich die Kämpfe weiter verschärft, und COVID-19 bringt nun neue Bedrohungen mit sich, warnt UNHCR.

Seit April vergangenen Jahres wurden mehr als 300 Zivilist*innen getötet und 150.000 weitere Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Trotz der vorläufigen Einigung auf einen humanitären Waffenstillstand sind die Kämpfe in der vergangenen Woche weiter eskaliert. Aufgrund der sich verschlechternden Sicherheitslage können Zehntausende Vertriebene nicht in ihre Herkunftsgebiete zurückzukehren.

Inzwischen haben die Behörden zehn Fälle von COVID-19 in Libyen und einen Todesfall bestätigt. Das weckt neue Befürchtungen hinsichtlich der Reaktionsfähigkeit des geschwächten libyschen Gesundheitssystems.

„Die Bedrohung durch COVID-19 könnte, wenn sie nicht eingedämmt wird, in Verbindung mit dem aktuellen Konflikt eine humanitäre Katastrophe in Libyen auslösen“, warnte UNHCR-Missionschef Jean-Paul Cavalieri.

„Das tägliche Leben wird für die Menschen in Libyen immer schwieriger“, sagte er. „Viele Menschen, darunter vertriebene Libyer*innen, Flüchtlinge und Asylsuchende, haben keine angemessene Unterkunft und wohnen dicht gedrängt und mit schlechtem Zugang zu sanitären Einrichtungen. Die Miet-, Lebensmittel- und Treibstoffpreise sind in die Höhe geschnellt, und die Menschen haben ernsthafte Schwierigkeiten, ihre Grundbedürfnisse zu decken.“

Der anhaltende Konflikt hat das Gesundheitssystem und die medizinischen Dienste des Landes, die nur über begrenzte finanzielle Mittel, wenig Grundausrüstung und Medikamente verfügen, stark beeinträchtigt. Viele Krankenhäuser oder Gesundheitseinrichtungen in konfliktnahen Gebieten sind beschädigt oder geschlossen worden.

UNHCR und seine Partner stellen Generatoren, Krankenwagen, Container und Zeltkliniken zur Unterstützung der lokalen Gesundheitsdienste bereit. Außerdem sensibilisieren wir Flüchtlinge, Asylsuchende und Libyer*innen durch Plakate, Textnachrichten und über soziale Medien für Schutzmaßnahmen, um die Risiken von COVID-19 zu reduzieren.

Gemeinsam mit anderen humanitären Organisationen fordert UNHCR die libyschen Behörden auf, den Zugang und die Einbeziehung aller Bevölkerungsgruppen in Libyen in die Gesundheitsmaßnahmen, die Reaktionspläne und die Aktivitäten zu gewährleisten.

Wir wiederholen auch unsere Forderungen nach einer geordneten Freilassung der inhaftierten Personen. Asylsuchende und Flüchtlinge, die sich aufgrund fehlender rechtlicher Dokumente in Haft befinden, sind angesichts der oft schlechten sanitären Verhältnisse, der sehr eingeschränkten Gesundheitsversorgung und der Überbelegung besonders gefährdet und exponiert. Viele Gefangenenlager befinden sich auch in Gebieten nahe der Frontlinien der Kämpfe.

UNHCR ist besonders besorgt über den zunehmenden Mangel an erschwinglichem Wohnraum und den Anstieg der Mietpreise, da immer mehr vertriebene oder sekundär vertriebene Libyer*innen gezwungen sind, ihre Häuser zu verlassen und neue Unterkünfte zu suchen.

Dies hat besonders schlimme Auswirkungen auf Flüchtlinge und Asylsuchende, die keine reguläre Arbeit finden können. Flüchtlinge haben UNHCR mitgeteilt, dass die Mietpreise für Einzelzimmerunterkünfte bis um das Sechsfache gestiegen sind, während sich die Mietkosten für Häuser verdreifacht haben. Viele Menschen leben in überfüllten, unfertigen und unmöblierten Gebäuden oder Garageneinheiten, in denen sich bis zu zehn Personen ein Einzelzimmer teilen.

In Stadtteilen in der Nähe der Frontlinien stehen die Menschen vor noch größeren Herausforderungen, wenn es darum geht, Zugang zu lebensnotwendigen Gütern und öffentlichen Dienstleistungen zu erhalten und Arbeit zu finden. Die instabile Sicherheitslage hat auch zu einem Anstieg der Kriminalität geführt, mit vermehrten Fällen von gezielten Raubüberfällen und Angriffen.

UNHCR ist weiterhin in Libyen tätig, um Flüchtlingen, Asylsuchenden, zwangsvertriebenen Libyer*innen und Rückkehrer*innen Schutz und Hilfe zu bieten. Aber die Bereitstellung von Hilfe wurde durch strenge Sicherheitsbewegungsprotokolle und eine reduzierte Präsenz vor Ort stark erschwert.

In den letzten zwölf Monaten hat UNHCR mehr als 25.500 Menschen medizinisch versorgt und beraten, über 42.700 Menschen mit Nothilfemitteln versorgt und fast 2.500 Menschen mit Bargeld unterstützt. UNHCR hat auch 37 Projekte unterstützt, die das friedliche Zusammenleben zwischen Flüchtlingen, vertriebenen Libyer*innen, Rückkehrer*innen und Aufnahmegemeinschaften fördern sollen, u.a. durch die Wiederherstellung der sozialen Infrastruktur wie Gesundheits- und Bildungseinrichtungen.

UNHCR schließt sich dem Aufruf des UN-Generalsekretärs António Guterres an, der die Kriegsparteien in der ganzen Welt zur Einstellung ihrer Kampfhandlungen auffordert, um auf die Bedrohung durch die COVID-19-Pandemie besser reagieren zu können.