UNHCR und WFP warnen: Covid-19 verschärft Lebensmittelmangel – Flüchtlinge in Afrika von Hunger und Unterernährung bedroht

Wenn keine dringenden Maßnahmen zur Bewältigung der Situation ergriffen werden, ist mit einem Anstieg der akuten Unterernährung zu rechnen.

Sudanesische Flüchtlinge halten Abstand während der Verteilung von Lebensmitteln und Seife im Lager Ajuong Thok im Südsudan, April 2020. © UNHCR/Elizabeth Marie Stuart

Millionen Flüchtlinge in ganz Afrika sind nach Angaben von UNHCR und dem Welternährungsprogramm (WFP) von Hunger und Mangelernährung bedroht. Gründe seien eine deutliche Unterfinanzierung der Hilfsprogramme, Konflikte und Katastrophen – und nicht zuletzt die Corona-Pandemie. Covid-19 führe zu logistischen Problemen, steigenden Lebensmittelpreisen und sinkenden Einkommen für Flüchtlinge.

„Millionen von Flüchtlingen in ganz Afrika sind derzeit auf regelmäßige Hilfe angewiesen, um ihren Nahrungsmittelbedarf zu decken“, sagte UN-Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi. „Etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder, für die die Mangelernährung in diesem wichtigen Alter lebenslange Folgen haben kann.“

Wenn keine dringenden Maßnahmen zur Bewältigung der Situation ergriffen werden, ist mit einem Anstieg der akuten Unterernährung, von Unterentwicklung und Anämie (Blutmangel) zu rechnen. In den Flüchtlingslagern in Äthiopien leiden 62 Prozent der Kinder an einem kritischen Grad von Anämie.

“Während sich die Situation für alle weiter verschlechtert, vergrößert sich die Katastrophe für die Flüchtlinge, die absolut nichts haben, um ihren Sturz abzufedern”, sagte David Beasley, Exekutivdirektor des WFP. ” Flüchtlinge leben bestenfalls unter beengten Verhältnissen, kämpfen um die Deckung ihrer Grundbedürfnisse und haben oft keine andere Wahl, als für ihr Überleben auf Hilfe von außen angewiesen zu sein. Jetzt brauchen sie mehr denn je unsere lebensrettende Unterstützung”.

Das WFP stellt weltweit mehr als 10 Millionen Flüchtlingen Nahrungsmittelhilfe zur Verfügung, darunter auch denjenigen in den größten Flüchtlingssiedlungen der Welt, wie zum Beispiel der Siedlung Bidibidi in Uganda, wo die Rationen im April aufgrund fehlender Gelder um 30 Prozent gekürzt wurden.

Viele Flüchtlinge waren früher in der Lage, sich zu ernähren und für sich selbst zu sorgen, darunter viele, die in städtischen Gebieten leben und in der informellen Wirtschaft arbeiten – nun stehen sie ebenfalls vor großen Schwierigkeiten. Viele von ihnen haben ihre einzige Einkommensquelle verloren, da durch die Präventionsmaßnahmen von Covid-19 Arbeitsmöglichkeiten verschwunden sind. Die meisten sind nicht durch Sozialsysteme geschützt, so dass viele Familien mittellos und von humanitärer Hilfe abhängig sind. In Südafrika laufen viele Flüchtlinge Gefahr, vertrieben zu werden, und haben sich an UNHCR-Helplines gewandt, weil sie dringend Nahrungsmittel und Unterstützung brauchen.

Gleichzeitig drücken Im- und Exportbeschränkungen auf die Lieferketten. In der meist im Binnenland gelegenen Sahelzone schränken Covid-19-Präventionsmaßnahmen wie Grenzschließungen und Bewegungseinschränkungen die Transportkapazitäten für Produkte ein. Und das in einer Region, in der eskalierende Unsicherheit, Gewalt und Konflikte – verstärkt durch die Auswirkungen von Klimawandel und Armut – die Ernährungssicherheit und die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen gestört haben. Die Hilfe für extrem gefährdete Gruppen, darunter mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge in der Region, muss fortgesetzt werden.

In Kamerun war das WFP aufgrund von Finanzierungslücken gezwungen, die Hilfe für Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik im Mai und Juni um 50 Prozent zu kürzen und muss, ausgehend vom derzeitigen Finanzierungsniveau, die Bargeldhilfe von August an vollständig einstellen. Kürzungen der Rationen werden noch im Juli auch für nigerianische Flüchtlinge im Land erwartet.

In ganz Ostafrika haben uneinheitliche Gesundheitsmaßnahmen an mehreren Grenzen zu Überlastungen geführt und lebenswichtige Hilfs- und Handelsströme gestört. An Zollstationen bilden sich lange Warteschlangen, weil die Menschen auf die Ergebnisse von Corona-Tests warten oder diese nicht anerkannt werden.

Die durch Covid-19 verursachten Transportverspätungen haben sich negativ auf die Lebensmittelbevorratung im Südsudan vor der Regenzeit ausgewirkt, so dass das WFP besonders hart daran arbeiten muss, die Straßen während der Regenzeit offen zu halten. Das erhöht das Risiko, auf extrem teure Luftoperationen zurückgreifen zu müssen, falls die Optionen auf dem Landweg nicht mehr praktikabel sind.

In vielen Teilen des Kontinents steigen die Lebensmittelpreise und stellen eine verheerende Bedrohung für Millionen von Flüchtlingen dar, insbesondere für diejenigen, die bereits mit Tageslöhnen von der Hand in den Mund leben. In der Republik Kongo ist der Durchschnittspreis für einen Korb mit Grundnahrungsmitteln um 15 Prozent gestiegen, während in Ruanda die WFP-Marktbeobachtung in der Umgebung von Flüchtlingslagern ergab, dass die Lebensmittelpreise im April 2020 bereits durchschnittlich 27 Prozent höher waren als 2019 und 40 Prozent höher als 2018.

Als Folge dieser Herausforderungen greifen viele Flüchtlinge auf negative Notlösungen zurück, wie zum Beispiel das Auslassen von Mahlzeiten oder die Verkleinerung der Portionen. Schätzungen zufolge nutzen mehr als 80 Prozent der Flüchtlinge im Südsudan solche Maßnahmen. In einigen Fällen greifen kommt es auch zum Betteln, zur Prostitution oder zu Zwangsehen, um dem Hunger zu entkommen.

Inmitten einer starken Unterfinanzierung haben UNHCR und WFP Mühe, den steigenden Bedarf zu decken. Dabei wird sich die Situation in vielen Fällen aufgrund der steigenden Kosten voraussichtlich noch verschlechtern. Das hat zum Teil mit den unerwarteten Ausgaben für die Bereitstellung von Fertiggerichten in Quarantäneeinrichtungen zu tun. Zusätzlich zu den jüngsten Kürzungen in Uganda erhalten bereits mehr als 3,2 Millionen Flüchtlinge in Ostafrika aufgrund der Unterfinanzierung nur reduzierte Rationen, unter anderem in Äthiopien, Kenia, Sudan, Südsudan und Tansania. In der Demokratischen Republik Kongo, Malawi, Mosambik und Sambia drohen erhebliche Finanzierungslücken oder es gibt auch bereits Nahrungsmittelkürzungen.

UNHCR und WFP sind besorgt über die negativen Auswirkungen der reduzierten Hilfe für Flüchtlinge und drängen die Geber in der internationalen Gemeinschaft, weitere Mittel bereitzustellen, um sicherzustellen, dass Flüchtlinge nicht verhungern. Weltweit haben die WFP-Aktivitäten zur Unterstützung von Flüchtlingen für die nächsten sechs Monate (Juli-Dezember) einen Nettofinanzierungsbedarf von mehr als 1,2 Milliarden Dollar, von denen rund 694 Millionen Dollar für Operationen in Afrika vorgesehen sind. Im Rahmen des umfassenderen UN Global Humanitarian Response Plan for COVID-19 benötigt UNHCR rund 745 Millionen Dollar für lebensrettende Maßnahmen, davon 227 Millionen Dollar für Operationen in Afrika.

Afrikanische Regierungen werden dringend aufgefordert, dafür zu sorgen, dass Flüchtlinge und Vertriebene in Übereinstimmung mit den Verpflichtungen im Rahmen des Global Compact on Refugees in die sozialen Sicherheitsnetze und die COVID-19-Reaktionspläne einbezogen werden, um sicherzustellen, dass sie Zugang zu Nahrungsmitteln und finanzieller Nothilfe haben.

 

Über UNHCR, das UN-Flüchtlingshilfswerk

UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, leitet internationale Einsätze zum Schutz von Menschen, die aufgrund von Konflikten und Verfolgung gezwungen sind, aus ihrer Heimat zu fliehen. Wir leisten lebensrettende Hilfe in Form von Unterkünften und stellen Güter wie Nahrung und Wasser bereit. Wir helfen bei der Wahrung grundlegender Menschenrechte und entwickeln Lösungen, die sicherstellen, dass Menschen einen sicheren Ort haben, den sie ihr Zuhause nennen und an dem sie sich eine bessere Zukunft aufbauen können. Wir setzen uns auch dafür ein, dass staatenlose Menschen eine Staatsangehörigkeit erhalten.

UNHCR ergreift Maßnahmen, um auf den öffentlichen Gesundheitsnotstand durch COVID-19 zu reagieren und eine weitere Ausbreitung zu verhindern. In Zusammenarbeit mit den Regierungen stellt UNHCR sicher, dass Flüchtlinge in die nationalen Gesundheitspläne aufgenommen werden und gut darüber informiert sind, wie die Ausbreitung von COVID-19 verhindert werden kann. Zudem sorgen wir dafür, dass sie Zugang zu Seife und sauberem Wasser haben und weiterhin die lebensrettende Hilfe und Unterstützung erhalten, die sie benötigen.

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Über WFP

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist die weltweit größte humanitäre Organisation, die in Notfällen lebensrettende Hilfe leistet, Wohlstand schafft und eine nachhaltige Zukunft für Menschen unterstützt, die von Konflikten, Katastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind.

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