300.000 Menschen haben durch die katastrophalen Überschwemmungen im Jemen fast alles verloren

UNHCR arbeitet auf Hochtouren, um die durch die Wassermassen weiter verschärfte Not in dem Bürgerkriegsland zu lindern.

Ein kleines Mädchen geht durch eine provisorische Siedlung für Binnenvertriebene in Aden, die von den massiven Regenfällen schwer beschädigt wurde. © UNHCR/Essam Adduais

Geschätzte 300.000 Menschen haben im Jemen in den letzten drei Monaten durch sintflutartige Regenfälle und schwere Sturzfluten ihre Häuser, ihre Ernteerträge und Nutztiere sowie ihr persönliches Hab und Gut verloren. Unter den vom Wasser Vertriebenen sind zahlreiche Menschen, die zuvor bereits wegen des Konflikts im Jemen aus ihren Heimatgebieten fliehen mussten. Noch einmal müssen sie sich nun ein neues Leben und eine neue Gemeinschaft aufbauen.

Zu den am schwersten betroffenen Gebieten zählen Marib, Amran, Hajjah, Al Hudaydah, Taizz, Lahj, Aden und Abyan, wo die Überschwemmungen alleine in den letzten beiden Monaten mindestens 148 Personen das Leben gekostet haben. In Hababa führte der unerwartete und verhängnisvolle Bruch des Al-Roone-Staudamms zum unkontrollierten Abfluss von 250.000 Kubikmeter Wasser und zog Tausende Menschen in Einrichtungen für Binnenvertriebene in Al-Tahseen, Souq al-Lill und anderen Orten in Mitleidenschaft.

Viele der Binnenvertriebenen, die durch die Überflutungen nun erneut entwurzelt wurden, hatten bereits zuvor in bitterer Armut gelebt – oftmals in überfüllten, notdürftigen Unterkünften aus Lehm und Plastikfolie, die vom Wasser fortgespült oder schwer beschädigt wurden. Menschen sind nun gezwungen, in Moscheen, Schulen oder bei Verwandten unterzukommen. Manche müssen auch im Freien oder in verlassenen, teils einsturzgefährdeten Gebäuden hausen. Oder im Rest von dem, was von ihren beschädigten Häusern übriggeblieben ist.

Viele Jeminit*innen mussten bereits zuvor ums Überleben kämpfen, da es kaum Erwerbsmöglichkeiten gibt und sich etliche kaum eine tägliche Mahlzeit für ihre Familien leisten können. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit nehmen zu, während die weltweit schlimmste humanitäre Krise immer schrecklichere Formen annimmt.

UNHCR ist tief besorgt darüber, dass die vertriebenen Gemeinschaften auch hinsichtlich der COVID-19-Pandemie extrem vulnerabel sind. Viele haben nicht die Möglichkeit, ausreichend Abstand zu halten und haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, um sich die Hände zu waschen sowie zu weiteren Massnahmen, um die Übertragung des Virus zu unterbinden. Die Gesundheitsinfrastruktur des Landes ist durch den jahrelangen Konflikt schwer beschädigt.

Tausende weitere könnten bald betroffen werden, da die Regenzeit anhalten dürfte und die Kapazitätsgrenzen vieler Staudämme zunehmend überstiegen werden. Viele Dämme sind in schlechtem Zustand, da ihre Instandhaltung in den letzten Jahren durch den Konflikt vernachlässigt wurde. Am Damm in Marib ist das Überlaufniveau erreicht. Es besteht die grosse Gefahr eines Dammbruchs, wenn weitere schwere Regenfälle das Staubecken noch weiter füllen. Ein solcher würde die bewässteren Gebiete flussabwärts, wo Tausende Binnenvertriebene Zuflucht gefunden haben, verwüsten und auch niedriger gelegene Teile der Stadt Marib zerstören.

UNHCR arbeitet auf Hochtouren, um Notunterkünfte und essentielle Güter wie Decken und Matratzen für Tausende Menschen zur Verfügung stellen und Beratung für jene anbieten zu können, die mit dem Verlust ihrer Liebsten und ihrem Zuhause zu kämpfen haben. Zusammen mit Partnern versuchen wir in den vertriebenen Gemeinschaften das Bewusstein für COVID-19-Schutz- und Präventionsmassnahmen zu stärken.

Jedoch sind unsere Kapazitäten aufgrund einer ernsten Unterfinanzierung weiterhin begrenzt. Nach derzeitigem Stand wird unser Vorrat an Unterkünften und Katastrophenhilfsgütern innerhalb weniger Wochen zu Ende gehen. Die Grundbedürfnisse vieler Menschen bleiben dann unerfüllt. Nach mehr als fünf Jahren des Konflikts brauchen mehr als 80 Prozent der jeminitischen Bevölkerung humanitäre Unterstützung. Fast vier Millionen Binnenvertriebene, Rückkehrer*innen und Asylsuchende sind nun auf regelmäßige humanitäre Hilfe angewiesen, um überleben zu können.