„Das kann sich in Deutschland kein Mensch vorstellen“

Drei Bundestagsabgeordnete im größten Flüchtlingscamp der Erde – Kutupalong in Bangladesch.

Im Flüchtlingscamp, dessen Ende man nur erahnen kann: Die Bundestagsabgeordneten Bettina Stark-Watzinger, Gabriele Katzmarek, und Tobias Pflüger in Kutupalong, Bangladesch. © UNHCR/Chris Melzer

Die Sirene des begleitenden Polizeiwagens nützt nichts, gar nichts. So ist das in Bangladesch. Das tägliche Verkehrschaos ist perfekt und der weiße Geländewagen mit dem blauen „UNHCR“ auf der Tür schiebt sich quälend langsam durch die Menge der Tomtoms, wie die andernorts als Tuktuks bekannten Gefährte aus Moped und Anhänger hier heißen. In dem Geländewagen findet während der fast zweistündigen Fahrt, obwohl es nur 40 Kilometer sind, ein Briefing statt: UNHCR, das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, informiert drei Bundestagsabgeordnete, die extra aus Deutschland gekommen sind. Gabriele Katzmarek, Bettina Stark-Watzinger und Tobias Pflüger wollen wissen, was es bedeutet, im größten Flüchtlingscamp der Welt zu leben.

Es heißt Kutupalong und hat mehr als 630 000 Einwohner. Das ist so viel wie Stuttgart oder Düsseldorf, aber auf nur auf einem Bruchteil des Raumes. Kutupalong ist der dichtest besiedelte Flecken der Erde. Es ist eine Großstadt aus niedrigen Hütten, die nur aus Bambus und weißen Planen mit blauem UNHCR-Aufdruck bestehen. Fenster gibt es nicht, Möbel auch nicht, Strom oder Wasser sowieso nicht. Die Umgebung besteht nur aus anderen Camps mit noch einmal fast 300 000 Flüchtlingen. Das ist nun das tägliche Leben der Rohingya, die vor knapp zwei Jahren aus Myanmar geflohen sind. Sie berichteten von Erschießungen, Vergewaltigungen und niedergebrannten Dörfern.

„Was vermisst Ihr am meisten?“, fragt Katzmarek eine Gruppe Kinder. „Toys“, Spielsachen, antworten einige der Sozialdemokratin, doch als ein vielleicht Zehnjähriger „Home“ sagt, nicken alle. Nach Hause wollen sie. Doch dort sind sie unerwünscht. Und in Bangladesch nur geduldet.

„Es ist trotzdem beeindruckend, was Bangladesch macht“, sagt Pflüger. „Wir sollten nicht vergessen, dass das hier nicht Deutschland ist. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt. Und es ist gut und richtig und unterstützenswert, dass den Geflüchteten Rohingya hier geholfen wird, vom UNHCR und auch Hilfsorganisationen aus Deutschland.“ Der Linkspartei-Politiker guckt immer wieder auf die armseligen Hütten, die direkt auf den Hängen stehen. „Was macht Ihr, wenn der Monsun kommt?“, fragt er die Experten von UNHCR. Die haben viele Ideen zur Befestigung der Hütten, zum Erosionsschutz des Untergrunds und zu anderem mehr und setzen sie auch schon um. 70 Jahre Erfahrung können Leben retten.

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Freundliche Begrüßung im größten Flüchtlingscamp der Erde: Die Bundestagsabgeordneten Pflüger, Katzmarek und Stark-Watzinger in Bangladesch. © UNHCR/Chris Melzer

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Mehr als die Hälfte der 630 000 Flüchtlinge in Kutupalong sind unter 18. Für die Kinder ist der Besuch der deutschen Abgeordneten spannend und eine willkommene Abwechslung im vom Not geprägten Alltag. © UNHCR/Chris Melzer

Stark-Watzinger interessiert sich derweil für die Schulen im Camp. UNHCR berichtet, dass fast alle Kinder hier die Grundschule besuchen können. „Und danach?“, fragt die Freie Demokratin. „Danach gibt es kaum Angebote“, heißt es vom UN-Flüchtlingshilfswerk. „UNHCR kämpft für die Schulbildung jedes Kindes. Aber 2018 haben wir nur die Hälfte der Gelder erhalten, die wir gebraucht hätten, um angemessene Hilfe zu leisten.“

Stark-Watzinger fragt auch nach dem deutschen Beitrag für Kutupalong. Deutschland finanziert zum Beispiel Propangas für die kleinen Kochstellen der Flüchtlinge mit. Noch bis vor Kurzem wurden dafür vier bis fünf Fußballfelder Wald abgeholzt. Täglich! Die Kinder waren in der Regel den ganzen Tag unterwegs, um Brennholz zu sammeln, dessen Rauch in den Hütten dann ihre Augen entzündete. Jetzt brennt das Gas. Und die Kinder gehen nicht mehr Holz sammeln, sondern in die Schule.

Die drei Abgeordneten hören viel zu, schauen genau hin, stellen viele Fragen. Sie wollen wissen, wo die Menschen die Kraft und auch den Optimismus hernehmen, um so zu überleben. Welche Chancen es auf Rückkehr gibt. Wie UNHCR hier jeden Tag kämpft, um das Leben etwas erträglicher zu machen. Um Chancen zu geben. Zum Abschluss gucken die drei Abgeordneten noch einmal auf die Hunderttausenden Hütten in einem Camp, dessen Ende man nicht sehen kann. „Das kann man in Deutschland keinem Menschen erklären“, murmelt Pflüger nur.