Nachhaltige Hilfe für afghanische Flüchtlinge und Hauptaufnahmeländer nötig

UNHCR ruft zusammen mit Vertreter*innen der Islamischen Republiken Afghanistan, Iran und Pakistan die internationale Gemeinschaft dazu auf, strategische Partnerschaften zu erneuern, gezielte Investitionen in Afghanistan und den beiden Hauptaufnahmeländern von afghanischen Flüchtlingen, Iran und Pakistan, zu tätigen und mehr internationale Solidarität zu zeigen.

Die „Shahid Mohamad Akram Khakrizwal Female High School” wurde mit der Unterstützung von UNHCR erneuert. © UNHCR/ Farzana Wahidy

Die Krise in Afghanistan dauert seit mehr als vier Jahrzehnten an und ist somit eine der weltweit am längsten andauernden Vertreibungssituationen. 2,7 Millionen afghanische Flüchtlinge leben immer noch außerhalb des Landes, weitere 2,6 Millionen sind Binnenvertriebene. In den vergangenen 40 Jahren haben Iran und Pakistan den Großteil der afghanischen Flüchtlinge aufgenommen. Heute beherbergen diese beiden Länder fast 90 Prozent aller afghanischen Flüchtlinge. Seit letztem Jahr bilden Afghan*innen aber auch die größte Gruppe unter den Flüchtlingen und Migrant*innen, die in Europa über die Mittelmeerrouten ankommen. Zunehmend machen sich auch afghanische Frauen mit ihren Familien auf den Weg – ein Symptom für eine lang andauernde Krise, in der Lösungen kaum noch greifbar scheinen

„Die afghanische Vertreibungskrise ist eine der größten und langwierigsten in der siebzigjährigen Geschichte von UNHCR. Derzeit erleben wir, wie die dritte Generation afghanischer Kinder im Exil geboren wird”, sagte Filippo Grandi, hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen im Rahmen eines hochrangigen, virtuellen Treffens. Er forderte internationale Hilfe für Iran und Pakistan, um Flüchtlingen in diesen Ländern den Zugang zum nationalen Bildungs- und Gesundheitssystem zu ermöglichen. Außerdem sollen diese Staaten dadurch in die Lage versetzt werden, Möglichkeiten zur freiwilligen Rückkehr und Reintegration anbieten zu können.

„Wir müssen diese Gelegenheit ergreifen, um die Solidarität zu erneuern und lösungsversprechende Fortschritte zu erzielen”, sagte Grandi. “Der Preis der Untätigkeit wäre die Verdammung der Afghan*innen zu einer fortdauernden, prekären Existenz mit geringen Aussichten auf eine Verbesserung ihrer Lebenslage.”

Afghan*innen und ihre Zufluchtsländer haben während des vierzigjährigen Exils eine immense Widerstandsfähigkeit bewiesen und zahlreiche Herausforderungen gemeistert. Flüchtlingshochkommissar Grandi hob die iranischen Investitionen in Gesundheitsvorsorge und Bildung für Flüchtlinge hervor. Letztere machen sich in einer Steigerung der Alphabetisierungsrate unter afghanischen Kindern von sechs auf 68 Prozent bemerkbar.

In Pakistan wurden mit dem „Refugee-Affected and Hosting Areas Programme” gemeinschaftliche Infrastruktur und andere Mittel zur Unterstützung der über zwölf Millionen Flüchtlinge sowie der ortsansässigen Bevölkerung zur Verfügung gestellt. Flüchtlinge können nun Bankkonten eröffnen und haben Zugang zu Finanzdienstleistungen.

„Diese Anstrengungen müssen unterstützt werden”, sagte Grandi und verwies darauf, dass dieses Anliegen vor dem Hintergrund der COVID-19-Pandemie und einer sich verschärfenden regionalen sozioökonomischen Krise noch dringlicher sei.

Seit 2012 verfolgen Afghanistan, Iran und Pakistan einen regionalen Ansatz („Solutions Strategy for Afghan Refugees”), um Rahmenbedingungen für freiwillige Rückführung und nachhaltige Reintegration in Afghanistan zu schaffen und zugleich den Druck auf die aufnehmenden Gemeinschaften zu verringern.

Mit der Hilfe von UNHCR konnten in den vergangenen 18 Jahren rund 5,3 Millionen Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren.

Im Dezember 2019 präsentierte UNHCR am Rande des Globalen Flüchtlingsforums zusammen mit Partnern eine Support-Plattform, um eine gerechtere Verteilung der Lasten zu erreichen und echte Lösungen für vertriebene Afghan*innen zu entwickeln.

Das Treffen zwischen UNHCR mit den Vertreter*innen der drei Länder zielte darauf ab, diese Vereinbarung durch eine Kerngruppe an Staaten zu festigen, die als Zugpferde für diese Anstrengungen agieren werden und helfen, finanzielle und technische Ressourcen zu beschaffen.

Die jüngsten Verhandlungen, um Frieden und Stabilität ins Land zu bringen, stellen einen Wendepunkt für die afghanische Bevölkerung dar. Jedoch erhoffen sich viele Exil-Afghan*innen konkrete Verbesserungen der Situation, bevor sie eine Rückkehr wagen. 2019 war die Zahl der registrierten freiwilligen Rückkehrer*innen nach Afghanistan eine der niedrigsten seit Jahren.

Die Mehrheit der Flüchtlinge in Iran und Pakistan führen mehrere Haupthindernisse an, die einer Rückkehr und einer nachhaltigen Reintegration in Afghanistan im Wege stehen. Dazu zählen fehlender Zugang zu Land, Unterkunft und grundlegenden Dienstleistungen, mangelnde Existenzperspektiven sowie die andauernde Unsicherheit im Land.

Innerhalb Afghanistans gibt es auch im Bildungsbereich große Herausforderungen. Nahezu die Hälfte der afghanischen Bevölkerung von 37 Millionen ist jünger als 15 Jahre. Die Initiative strebt strategische Investitionen an, um Bildungsmöglichkeiten und Jugendförderung auszubauen sowie öffentliche Infrastruktur inklusive Schulen zu entwickeln.

Durch einen verstärkten und ganzheitlichen Fokus auf Gesundheit, Bildung, Qualifikation und Beschäftigung wollen UNHCR und die drei Regierungen bessere Bedingungen für Afghan*innen in der ganzen Region schaffen und schließlich die Basis für deren freiwillige Rückkehr in ihr Heimatland legen, sobald die Umstände dies erlauben.

Die Zukunft von Millionen Menschen hängt nun von erneuerten Partnerschaften und gezielten Investitionen der internationalen Gemeinschaft sowohl in Afghanistan als auch in den Aufnahmeländern Iran und Pakistan ab.