Friederike Kempter

lernt Ahmed kennen, einen Physiklehrer, Vater und Ehemann.

Friederike Kempter war für die Reportagereihe „7 Tage“ (NDR Fernsehen) im Flüchtlingslager Zaatari. In diesem Zusammenhang hat sie Ahmed kennengelernt.

By Friederike Kempter

Es ist diese eine Frage, vor der Ahmed so große Angst hat, die ihm fast körperliche Schmerzen bereitet, und der er doch fast jeden Tag ausgeliefert ist. „Wann gehen wir endlich wieder nach Hause?“, fragt dann sein 11-Jähriger Sohn Kutada Hamed und schaut ihn traurig an. „Es ist dieser Blick, den ich kaum ertrage“, seufzt Ahmed. „Was nur soll ich meinem Sohn denn sagen? Dass ich es selbst nicht weiß? Dass wir hier wie Tausende andere unserem Schicksal ausgeliefert sind?“ Auch in den Augen des Vaters spiegeln sich in diesem Moment Traurigkeit und Verzweiflung.

Ahmed ist 62 Jahre alt – und er ist Flüchtling. Seit bald zwei Jahren lebt er nun schon mit seiner Familie im jordanischen Flüchtlingscamp Zaatari, einer Wüstensiedlung mit mehr als 80.000 Einwohner. Zaatari ist bereits die viertgrößte „Stadt“ in ganz Jordanien.

„Ich, ein Flüchtling!?“ Noch immer kann Ahmed sein Schicksal kaum begreifen. Ihm, dem gebildeten und geachteten Physik- und Chemielehrer, der nie etwas mit Politik am Hut hatte, wurde sein Leben quasi unter den Füßen weggezogen. Jetzt lebt er mit seiner sechsköpfigen Familie in einem kleinen Container.

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Ahmed kommt aus dem Süden Syriens. Recherchiert man seinen Heimatort Daraa-Inkhel im Internet, zieht sich schon durch die ersten Suchmaschinen-Treffer eine Schneise des Bluts und des Terrors. Massaker an Kindern, Terrorangriffe, Bomben-Attacken. Ahmed musste fliehen, musste sich verabschieden aus einem Leben, das sich damals so selbstverständlich anfühlte – und jetzt so fern erscheint. Zwei Jahre zog Ahmed mit seiner Familie als Binnenflüchtling durch Syrien – stets auf der Flucht vor dem Krieg. Doch die Kämpfe wurden immer heftiger, im Sommer 2013 verließen die Alnasers deshalb schweren Herzens das Land. „Neben der Familie gibt es nichts Kostbareres auf der Welt als die eigene Heimat“, sagt Ahmed.

Doch nichts ist mehr so, wie es war. Das eigene Haus ist komplett zerstört, die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr – am Anfang war sie groß, jetzt ist sie kaum noch vorhanden. „Selbst wenn morgen Frieden wäre, wohin sollen wir gehen?“ Aus früheren Nachbarn seien Feinde geworden.

Mit einem alten Freund aus früheren Tagen, auch er ein Flüchtling, sitzt er vor seinem Container. „Man muss aufpassen, dass einen die Langeweile des Lager-Alltags nicht zermürbt“, sagt er. Flüchtlinge dürfen in Jordanien nicht arbeiten, das macht das Leben noch schwerer und die Tage lang. Mit dem Freund, ein früherer Mathematik-Lehrer, diskutiert er stundenlang wissenschaftliche Fragestellungen. Das hält den Geist am Leben. Ab und an gibt er Jugendlichen ehrenamtlich Unterricht.

„Ich bin ein alter Mann“, sagt Ahmed resigniert. „Ich erwarte nicht mehr viel vom Leben.“ Aber für die vielen Kinder im Camp hat er die Hoffnung auf eine bessere Zukunft noch nicht aufgegeben.

Flüchtlinge sind Menschen wie Du und ich, die schwierige Zeiten erleben. Teile ihre Geschichten.

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