„50 Träume später“ – Dr. Suad Sheikh Mohamed zum Weltfrauentag 2026
„50 Träume später“ – Dr. Suad Sheikh Mohamed zum Weltfrauentag 2026
Dr. Suad Mohamed mit der Staatsbürgerschafts-Urkunde bei der Verleihung in Wien im Jänner 2026.
50 Träume später
Im Gespräch damals sagte ich: „Ich habe 50 Träume und Pläne, und ich weiß nicht, welche davon in Erfüllung gehen.“
Heute sind viele dieser Träume gewachsen, manche haben sich verändert. Aber einer ist gleich geblieben: Ich wollte immer etwas Positives bewirken, positive Energie in die Gesellschaft bringen und anderen helfen.
Damals hatte ich Asyl in Österreich.
Heute bin ich österreichische Staatsbürgerin.
Und das verändert mehr, als man vielleicht denkt.
Ein Weg durch viele Länder
Meine Familie verließ Somalia, als der Krieg begann. Ich bin in Saudi-Arabien aufgewachsen und habe dort meine Schulbildung abgeschlossen. Später zog meine Familie nach Syrien.
Mit einem Stipendium ging ich allein nach Pakistan, um Klinische Pharmazie zu studieren. Während meines Studiums brach in Syrien der Krieg aus – dort lebt meine Familie bis heute.
Für mich war es keine Option, nach Somalia zurückzukehren. Als alleinstehende Frau ist die Sicherheitslage dort bis heute sehr instabil. Frauen sind erheblichen Risiken ausgesetzt, insbesondere wenn sie keinen verlässlichen Schutz haben. Nach allem, was meine Familie und ich bereits erlebt hatten, konnte ich mein Leben nicht noch einmal aufs Spiel setzen. Ich brauchte einen Ort, an dem ich ohne Angst leben und meine Zukunft aufbauen kann. Sicherheit war für mich nicht nur wichtig – sie war überlebensnotwendig.
Österreich war nicht Teil meines Plans. Aber mein Weg führte mich hierher.
Suad im Jahr 2018 mit dem Absolvent*innen-Jahrbuch ihrer Universität in Pakistan, an der sie Pharmazie studiert hat.
Ankommen und nicht aufgeben
Als ich 2016 in Österreich ankam, war ich erschöpft. Ich sprach kein Deutsch und kannte niemanden. Wieder musste ich bei null anfangen. Besonders schwer war die Zeit des Wartens – auf Entscheidungen und auf eine Perspektive.
Obwohl ich studiert hatte und mehrere Sprachen spreche, fühlte ich mich in dieser Phase oft machtlos. Das Nichtstun machte mich zeitweise sehr niedergeschlagen. Ich erinnere mich, wie ich meine Mutter anrief und sagte: „Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
Sie antwortete: „Du bist gebildet. Du kannst so viel beitragen. Engagiere dich. Gib nicht auf.“
Diese Worte gaben mir Kraft. Sie erinnerten mich daran, wer ich bin.
Heute weiß ich: Herausforderungen sind keine Hindernisse – sie sind Lehrer. Resilienz entsteht, wenn man nicht aufgibt. Jede Kultur, in der ich gelebt habe, hat mir neue Perspektiven und Demut geschenkt. Unterschiede trennen uns nicht nur – oft verbinden sie uns.
Wie Oprah Winfrey einmal sagte: Man wird zu dem, was man glaubt. Ich habe mich entschieden, an Resilienz, an Wachstum und an meine Fähigkeit zu glauben, etwas beizutragen. Dieser Glaube hat mir geholfen, weiterzugehen.
Heimat durch Menschen
Österreich wurde meine Heimat durch Menschen – durch Kolleginnen und Kollegen, die mich unterstützten, durch Freundschaften und durch Vertrauen. Es waren nicht nur Institutionen, sondern einzelne Menschen, die mir das Gefühl gaben, dazuzugehören.
Natürlich gab es Herausforderungen, besonders im Bereich Integration und auch Momente von Diskriminierung. Aber ich habe mich bewusst entschieden, das Positive zu sehen – die Menschlichkeit, die Chancen und die Möglichkeiten dieses Landes.
Ich habe gelernt: Niemand schafft es allein. Wir wachsen, weil andere an uns glauben und uns Chancen geben.
Engagement und Verantwortung
Kurz nach meiner Ankunft begann ich, mich beim Österreichischen Roten Kreuz, bei der Diakonie Österreich und weiteren Organisationen freiwillig zu engagieren. Schritt für Schritt wurde ich Teil eines Teams – und später auch beruflich eingebunden. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wurden für mich wie eine Familie.
Aus diesen Erfahrungen ist mein heutiges Engagement gewachsen. Ich setze mich für Gesundheit, für die Stärkung von Frauen und für die Sichtbarkeit von Geflüchteten ein. Gemeinsam mit anderen habe ich den Global Health Club (früher Somali Health Club) gegründet. Die Initiative macht Gesundheitsinformationen in verschiedenen Sprachen – unter anderem Somali und Arabisch – zugänglich und stärkt Gesundheitskompetenz in unterschiedlichen Communities.
2025 wurde der Global Health Club mit dem Bock Preis ausgezeichnet – eine Anerkennung für unser gesellschaftliches Engagement.
Sicherheit verändert das Denken
Als Geflüchtete lebte ich lange mit Unsicherheit. Auch wenn ich Schutz hatte, blieb ein Gefühl der Vorläufigkeit.
Mit der österreichischen Staatsbürgerschaft hat sich etwas Grundlegendes verändert. Ich fühle Stabilität, Zugehörigkeit und Verantwortung. Ich weiß, dass ich hier nicht nur geduldet bin, sondern wirklich Teil dieser Gesellschaft. Ich bin Österreich und den Menschen hier sehr dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit gegeben haben.
Diese Sicherheit verändert, wie man plant, wie man träumt und wie man über die Zukunft denkt. Sie gibt die Freiheit, nach vorne zu schauen und ein Leben aufzubauen, das auf Hoffnung statt auf Angst basiert.
Weltfrauentag 2026 – Blick nach vorne
2018 sagte ich: „Als Frauen können wir es schaffen.“ Heute sage ich das immer noch. Aber ich habe gelernt, dass es mehr braucht als Willenskraft. Es braucht Bildungschancen. Es braucht Sicherheit. Es braucht faire Strukturen. Und es braucht Menschen, die uns unterstützen.
Ich wünsche mir, dass noch mehr Frauen Sicherheit erleben dürfen – nicht nur Schutz, sondern echte Perspektiven. Dass sie lernen, arbeiten, mitentscheiden, ihre Talente nutzen und ihre Zukunft aktiv mitgestalten können und ich wünsche mir eine Gesellschaft, die das auch ermöglicht.
Meine Mutter und meine Großmutter haben mir beigebracht, dass Träume nicht von einem bestimmten Ort abhängen. Heute weiß ich: Träume wachsen leichter, wenn man sich sicher fühlt.
Mein Name, Suad, bedeutet „Glück“. Ich versuche, das Positive zu sehen – nicht, weil alles einfach war, sondern weil Hoffnung mir geholfen hat, weiterzugehen.
Acht Jahre nach unserem ersten Gespräch zum Weltfrauentag hat sich sehr viel in meinem Leben geändert. Meine Träume sind nicht kleiner geworden – sie sind freier geworden. Es gibt keine Grenzen für das, was wir als Frauen erreichen können. Und ich weiß heute: Wenn Frauen Sicherheit haben, wachsen nicht nur ihre Träume – dann wächst auch die Gesellschaft.
Seit ich nach Österreich gekommen bin, war ich immer Teil dieser Gesellschaft, in der ich mich seit jeher einbringe und engagiere. Was sich geändert hat, ist meine rechtliche Sicherheit: Ich habe die Staatsbürgerschaft erhalten, ich kann jetzt mitentscheiden und ich weiß, ich kann bleiben.
Ich bin zutiefst dankbar für alle, die mich auf diesem Weg unterstützt haben. Und ich sehe es als unsere gemeinsame Verantwortung, Frauen, die vor verschiedenen Herausforderungen in dieser Gesellschaft stehen, zu stärken. Wir dürfen keine einzige vergessen. Wir müssen laut und gemeinsam für unsere Interessen und Träume einstehen und wir müssen einander unterstützen – so gut wir können.