Libanon braucht angesichts drohender humanitärer Katastrophe dringend Unterstützung
Libanon braucht angesichts drohender humanitärer Katastrophe dringend Unterstützung
Einige Hundert vertriebene Familien haben an der Uferpromenade von Beirut Zuflucht gefunden und schlafen dort in Zelten oder in ihren Autos.
Humanitäre Krise spitzt sich zu
Fast einen Monat nach Beginn des eskalierenden Konflikts steht der Libanon vor einer sich vertiefenden humanitären Krise. Seit dem 2. März mussten infolge intensiver israelischer Angriffe und weitreichender Evakuierungsanordnungen mehr als eine Million Menschen – also jede fünfte im Land lebende Person – ihre Häuser verlassen. Menschen mussten aus dem Süden und der Bekaa-Ebene nach Beirut und in den Norden fliehen.
Selbst nach ihrer Flucht aus diesen Gebieten fühlen sich die Menschen nicht mehr sicher. In der vergangenen Woche trafen israelische Angriffe das Zentrum von Beirut, darunter die dicht besiedelten Stadtviertel Zokak Blat und Bashoura, in denen viele Menschen Schutz gesucht hatten. Ein Angriff schlug nur einen Häuserblock von einer Schule entfernt ein, in der vertriebene Familien untergebracht sind. Familien leben in ständiger Angst und die psychischen Folgen, insbesondere für Kinder, werden weit über den aktuellen Konflikt hinausreichen.
Auch der Zugang zu sicheren Orten wird zunehmend erschwert. Die Zerstörung wichtiger Brücken im Süden hat ganze Bezirke von der Außenwelt abgeschnitten, mehr als 150.000 Menschen isoliert und den humanitären Zugang massiv eingeschränkt.
Viele der Familien, denen wir in unserer Arbeit täglich begegnen, sind bereits zum zweiten oder dritten Mal vertrieben worden. Mehrere von ihnen sind in dieselbe Schule zurückgekehrt, in der sie bereits 2024 Zuflucht gefunden hatten.
Überfüllte Unterkünfte und steigende Schutzrisiken
Derzeit halten sich mehr als 136.000 Vertriebene in 660 Gemeinschaftsunterkünften auf, zumeist in Schulen, die weit über ihre Kapazitäten hinaus belegt sind. Überbelegung, gemeinsam genutzte Klassenräume und der eingeschränkte Zugang zu sanitären Einrichtungen und weiterer grundlegender Unterstützung erhöhen unter anderem das Risiko von Ausbeutung und geschlechtsspezifischer Gewalt.
Ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen sind besonders betroffen. Sie haben Schwierigkeiten, auf Klassenzimmerböden zu schlafen oder Einrichtungen zu nutzen, die eigentlich für Kinder vorgesehen sind. Stress und Traumata verschärfen sich unter diesen beengten Bedingungen zusätzlich.
Über den unmittelbaren Bedarf an Unterkünften hinaus besteht ein klarer und dringender Bedarf an verstärktem Schutz sowie an Unterstützung auf Gemeindeebene.
UNHCR warnt vor drohender Katastrophe
Bei einem kürzlichen Besuch in einer der größten Unterkünfte in Saida, in der mehr als 1.000 Menschen untergebracht sind, konnte ich sehen, wie Zusammenarbeit dazu beitragen kann, den Vertriebenen Selbstbestimmung zurückzugeben. Zentrale und lokale Behörden, UNHCR, NGOs und Freiwillige arbeiteten gemeinsam mit den vertriebenen Familien daran, Freizeit- und Lernangebote für die dort untergebrachten 400 Kinder zu organisieren. Vertriebene Männer und Frauen kochen dort zusammen und machen bei anderen Aktivitäten mit. UNHCR und NGO-Partner stellen psychosoziale Beratung und gezielte Schutzunterstützung bereit.
Das Risiko einer humanitären Katastrophe ist real. Doch durch Unterstützung der von der Regierung geführten Nothilfe, wie sie im „Lebanon Flash Appeal“ dargelegt ist, können weitere Risiken – darunter Gewalt, Ausbeutung und zunehmende Spannungen – eingedämmt werden.
UNHCR leitet weiterhin gemeinsam mit dem libanesischen Ministerium für Soziales und NGO-Partnern die Bereiche Schutz und Unterbringung und hat bereits mehr als 198.000 lebensnotwendige Hilfsgüter bereitgestellt, während zugleich daran gearbeitet wird, die Privatsphäre in den Unterkünften zu verbessern. Bislang haben UNHCR und Partner mehr als 27.000 Menschen mit Schutzleistungen erreicht, darunter psychosoziale Hilfe, Freizeitangebote, Beratung und gezielte Unterstützung für besonders gefährdete Menschen. Mit ausreichender Finanzierung von UNHCR’s ersten Hilfsaufrufs in Höhe von mehr als 60 Millionen US-Dollar können diese Programme im Rahmen der gemeinsamen humanitären Maßnahmen weiter ausgebaut werden
Diese Unterstützung geht über die unmittelbare Nothilfe hinaus, indem sie nationale Schutz- und Sozialsysteme stärkt, an deren Reform die Regierung bereits arbeitet. Indem wir heute auf dringende Bedürfnisse reagieren, investieren wir gleichzeitig in deren langfristige Nachhaltigkeit und Widerstandsfähigkeit.
Doch die Bedarfe steigen schneller als die verfügbaren Ressourcen. Ohne zusätzliche Unterkünfte wird sich die Überbelegung weiter verschärfen. Ohne verstärkten Schutz werden die Risiken für Kinder, Frauen und andere gefährdete Gruppen zunehmen. Wenn Hilfe die Menschen nicht schnell erreicht, entstehen aus der Not soziale Spannungen.
Der Libanon war bereits zuvor mit mehreren Krisen konfrontiert, und diese massive Vertreibung setzt Familien und öffentliche Dienstleistungen zusätzlich enorm unter Druck. Zivilisten müssen jederzeit geschützt werden. Immer wieder berichten die Menschen dasselbe: Sie wollen einfach nur nach Hause zurückkehren. Unsere Pflicht ist es, ihnen zu helfen, bis sie dies sicher tun können.