Libanon: Mehr als 850.000 Vertriebene kehren in ihre Herkunftsgebiete zurück
Libanon: Mehr als 850.000 Vertriebene kehren in ihre Herkunftsgebiete zurück
Eine Reihe ziviler Fahrzeuge wartet an einem Kontrollpunkt im Südlibanon. Zu sehen sind Vertriebene, die nach den Ankündigungen der Waffenruhe auf dem Weg zurück in ihre Heimatorte sind.
Die Mehrheit der Menschen, die aufgrund monatelanger Luftangriffe und Unsicherheit im Libanon vertrieben wurden, ist inzwischen in ihre Herkunftsgebiete zurückgekehrt. Doch viele finden nun zerstörte oder beschädigte Häuser vor. Auch die Versorgung mit grundlegenden Dienstleistungen ist stark beeinträchtigt. UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, warnt daher: Die Vertreibungs- und humanitäre Krise ist noch lange nicht überwunden.
Trotz der vereinbarten Waffenruhe haben erneute israelische Luftangriffe im Süden des Libanon am Wochenende neue Vertreibungen ausgelöst. Hunderte Familien flohen auf der Suche nach Sicherheit in Richtung Norden. Diese Bewegungen verschärfen die seit Langem andauernde Vertreibungskrise und erhöhen die Unsicherheit für diejenigen, die versuchen, in ihre Heimat zurückzukehren.
Hunderttausende Menschen weiterhin vertrieben
Rund 860.000 Menschen sollen Berichten zufolge in ihre Herkunftsgebiete zurückgekehrt sein, während etwa 360.000 Menschen weiterhin vertrieben sind. Darunter befinden sich mindestens 22.000 Menschen, die in Sammelunterkünften leben. Andere Betroffene berichten, dass sie bei Verwandten oder in überbelegten Mietwohnungen untergekommen sind.
Die Sicherheitslage im Libanon bleibt fragil und der humanitäre Bedarf von Hunderttausenden Menschen ist weiterhin enorm. Zwar hat die Intensität der Kampfhandlungen abgenommen, doch Luftangriffe gefährden weiterhin Menschenleben. Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, militärische Aktivitäten und explosive Kriegsreste beeinträchtigen weiterhin das Leben in weiten Teilen des Südlibanon und der Bekaa-Ebene. Sie gefährden die Bevölkerung und erschweren eine sichere und nachhaltige Rückkehr.
Auf dem Höhepunkt des Konflikts waren mehr als eine Million Menschen innerhalb des Libanon vertrieben. Viele Familien können aufgrund großer Mengen an Trümmern, der angespannten Sicherheitslage, des eingeschränkten Zugangs zu ihren Gemeinden und weitreichender Schäden an der Infrastruktur noch immer nicht in ihre Häuser zurückkehren. Gesundheits-, Wasser- und Stromversorgung sind vielerorts nur eingeschränkt verfügbar oder vollständig ausgefallen.
Schulbeginn verschärft die Unterbringungskrise
Für viele Haushalte bedeutet eine Rückkehr, so nah wie möglich an ihre Städte und Dörfer zu ziehen und dort weiterhin in einer prekären Situation zu leben, anstatt eine dauerhafte Lösung zu finden. Familien sind weiterhin auf Mietunterkünfte, die Aufnahme bei anderen Familien sowie temporäre oder gemeinschaftliche Unterkünfte angewiesen, während sie auf die Beseitigung von Trümmern, die Reparatur ihrer Häuser, die Wiederherstellung grundlegender Dienstleistungen und eine Verbesserung der Sicherheitslage warten.
Viele Menschen unternehmen wiederholt sogenannte „Go-and-see“-Besuche, bevor sie entscheiden, ob eine Rückkehr sicher und überhaupt möglich ist. Andere pendeln weiterhin zwischen ihren Vertreibungs- und Herkunftsgebieten. Dadurch verschwimmt zunehmend die Unterscheidung zwischen Menschen, die zurückgekehrt sind, und jenen, die weiterhin vertrieben sind.
Der bevorstehende Beginn des Schuljahres erhöht den Druck zusätzlich, da die Sammelunterkünfte größtenteils in öffentlichen Schulen eingerichtet wurden. Zu Beginn des neuen Schuljahres werden einige schließen müssen. Kommunen in den vom Konflikt betroffenen Gebieten fordern weiterhin vorübergehende Unterbringungsmöglichkeiten, um eine erneute Vertreibung zu verhindern und es Familien zu ermöglichen, in der Nähe ihrer Gemeinden zu bleiben.
Schäden erschweren Wiederaufbau und Rückkehr
Der humanitäre Bedarf bleibt enorm. Weitreichende Schäden an Wohnhäusern, Wasserversorgung, Stromnetzen, Schulen, Gesundheitseinrichtungen, landwirtschaftlichen Flächen und kommunaler Infrastruktur beeinträchtigen weiterhin die Aussichten auf Wiederaufbau und eine sichere und nachhaltige Rückkehr. Berichten zufolge sind im Südlibanon mehr als 700.000 Menschen von Schäden an der Wasserinfrastruktur betroffen. Dies zeigt, dass eine Rückkehr nicht automatisch das Ende des humanitären Bedarfs bedeutet.
Die libanesische Regierung hat einen Nationalen Plan für Rückkehr, Wiederaufbau und die Wiederherstellung grundlegender Dienstleistungen entwickelt. Dieser umfasst unter anderem die Beseitigung von Blindgängern und Trümmern, die Reparatur der Infrastruktur sowie die Sanierung und den Wiederaufbau von Wohnraum. Gleichzeitig stellen die Regierung und humanitäre Organisationen wie UNHCR den betroffenen Menschen weiterhin Schutzleistungen, Unterstützung bei der Unterbringung, finanzielle Hilfen, psychosoziale Beratung und Einzelfallbetreuung zur Verfügung.
Insgesamt befindet sich der Libanon noch nicht in einer Phase nach der Krise, sondern sieht sich weiterhin mit einer komplexen Vertreibungssituation und anhaltenden Schutzrisiken konfrontiert. Vertriebene Familien sehnen sich danach, so bald wie möglich zurückzukehren. Um nachhaltige Lösungen zu ermöglichen, sind jedoch kontinuierliche humanitäre Unterstützung, Maßnahmen zum Wiederaufbau sowie eine Verbesserung der Sicherheitslage unerlässlich.
Große Finanzierungslücken bei der humanitären Hilfe
Auch die humanitären Organisationen stehen vor erheblichen Finanzierungslücken, die ihre Möglichkeiten zur Unterstützung Vertriebener und Rückkehrer einschränken. Der überarbeitete UN-Hilfsplan für den Libanon in Höhe von 639,9 Millionen US-Dollar ist bislang nur zu 48 Prozent finanziert. Darin sind rund 94,2 Millionen US-Dollar für die Hilfsmaßnahmen von UNHCR vorgesehen.
Die UNHCR-Operation im Libanon ist insgesamt nur zu 24 Prozent finanziert. Dem stehen für 2026 Gesamtbedarfe in Höhe von 472,3 Millionen US-Dollar gegenüber.
Ohne anhaltende Unterstützung werden Vertriebene, Rückkehrer und betroffene Gemeinden weiterhin vor erheblichen Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, ihre Häuser wiederaufzubauen, ihre Lebensgrundlagen wiederherzustellen und grundlegende Infrastruktur zu sanieren.