Sicherheit unter einem Dach

„Nicht einmal Zuhause in Syrien haben wir jemals solche Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erfahren“, sagt Izdihar lächelnd.

Ameen Al Dayoub tanzt mit seinen Kindern den Dabke. © UNHCR/Mark Henley

In einer kleinen Stadt, eine Autostunde von Wien entfernt, tönt aus einem Kassettenrekorder laute Musik, während die neun Kinder von Ameen Al Dayoub und seiner Frau Izdihar abwechselnd den Dabke tanzen. Der Dabke ist ein fröhlicher arabischer Volkstanz, der zu feierlichen Anlässen aufgeführt wird. Die Familie hat in diesen Tagen viel zu feiern.

„In Homs, in Syrien, haben wir vor dem Krieg oft den Dabke getanzt. Damals lebte die ganze Familie mit 40 Personen in einem dreistöckigen Haus“, sagt der 39-jährige Ameen. „Jetzt tanzen wir den Dabke, weil wir glücklich sind, dass wir in Österreich Zuflucht gefunden haben.“

Ameen hat die glücklichen Zeiten in seiner Heimat nicht vergessen, als er noch als Schulbusfahrer arbeitete. Doch diese Zeiten sind „für immer und ewig“ vorbei, sagt er.

„Homs war ein wundervoller Ort. Es kam nicht darauf an, ob du Alawit, Schiit, Sunnit oder Christ warst“, erklärt er. „Jeden Donnerstag nach der Arbeit trafen wir uns, zusammen mit unseren Familien, gingen zum Meer und saßen in den Cafés am Strand. Wir wussten nicht mal, welchem Glauben jeder angehörte. Aber dieses Leben in Syrien ist für immer vorbei.“

Zusätzlich zu den Gräuel des Krieges, entdeckte die Familie 2011, dass ihre dreijährige Tochter Thuraya an einem lebensbedrohlichen Herzfehler litt. Die Familie legte alle Ersparnisse zusammen und hatte gerade genug, um eine Notoperation zu finanzieren.

Betroffen erinnert sich Ameen: „Alle qualifizierten Ärzte waren bereits geflohen … diejenigen, die noch geblieben waren, hatten gute Absichten, aber die Operation missglückte.“

Zur gleichen Zeit wurde ihr Stadtteil zerstört, ein Familienangehöriger wurde erschossen. Zusammen mit ihren neun Kindern packten Ameen und Izdihar ihre Habseligkeiten in ein Taxi und flohen. Es war der Anfang einer qualvollen Odyssee durch das kriegsgebeutelte Syrien.

„Ich sah Eltern, die ihre toten Kinder in den Armen hielten und Straßen wie Flüsse aus Blut“, erinnert sich Ameen mit Tränen in den Augen. Zunächst suchten sie Unterschlupf im Al-Aideen Camp in Homs, doch das Leben dort war hart und bald erreichten die Kämpfe auch diese Gegend. „Es gab keine Elektrizität, keine Heizung, kein Gas, kein Wasser, kein Essen und vor allem keine Sicherheit“, sagt Izdihar.

Letztendlich gelang es der Familie die Grenze zu Jordanien zu überqueren und die Hauptstadt Amman zu erreichen. Dort wurden sie wegen Thurayas Herzerkrankung von UNHCR für Österreichs erstes Resettlement-Programm ausgewählt, bei dem 250 Flüchtlinge aufgenommen wurden.

Die Familie landete im Sommer 2014 am Flughafen Wien. Sechs Wochen später erhielt Thuraya die lebensrettende Operation und zum ersten Mal in fünf Jahren lebte die 11-köpfige Familie sicher zusammen, in einer Dreizimmerwohnung, die von der Caritas bereitgestellt wurde.

Das Leben in Österreich war besser, doch auf keinen Fall einfach. In einer großen Stadt wie Wien lebten sie isoliert. Eine ältere Frau in der Wohnung unter ihnen beschwerte sich ständig über den Lärm, den die Kinder in der Wohnung verursachten wenn sie hin und herrannten. Besorgt und einsam sehnte sich Izdihar sogar nach Jordanien zurück.

Dann im Jänner 2015 änderte sich ihr Leben aufs Neue. Die NGO „Land der Menschen“, die ein besseres Zusammenleben mit Flüchtlingen fördert, fand für sie ein Einfamilienhaus mit Garten in Gänserndorf. Die Gesichter der ganzen Familie erhellen sich noch heute bei der Erinnerung an ihre Ankunft, zu der sie von einem großen Empfangskomitee und mit einem riesigen Bouquet an Blumen willkommen geheißen wurden. In kürzester Zeit sammelten Freiwillige von „Land der Menschen“, ein Verein, der 2010 gegründet worden war, Möbel und Kleidung für die Familie.

„Nicht einmal Zuhause in Syrien haben wir jemals solche Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erfahren“, sagt Izdihar und lächelt Maria zu, der Organisatorin der Freiwilligengruppe, die von den Kindern ‚Mama Maria‘ getauft wurde.

Deutschlernen ist nun die erste Priorität der Al Dayoubs. Die sechs jüngeren Kinder gehen alle zur Schule in Gänserndorf, während die drei ältesten und ihr Vater AMS-Kurse in Wien besuchen. Freiwillige aus dem Ort kommen regelmäßig zu ihnen nach Hause und helfen bei Hausaufgaben und geben zusätzliche Deutschstunden.

Doch Izdihar vermisst ihre Freunde und Verwandten in Syrien. „Jeden Tag hab ich Freunde besucht oder sie mich“, sagt sie. „Die meisten meiner Verwandten sind noch in Syrien. Ich kann mich nur einmal im Monat mit ihnen über Whatsapp unterhalten. Aber meine Kinder und mein Mann halten mich auf Trab.“

Am Sonntag ist Izdihars freier Tag. Dann steht ihr Mann in der Küche und macht Falafel und Hummus. Weil die beiden ihre Heiratsurkunde im Chaos des Krieges verloren haben, wollen Ameen und Izdihar dieses Jahr in Österreich noch mal heiraten. „Die beiden sind ein sehr liebevolles Paar und unterstützen sich gegenseitig“, sagt Maria. „Das ist auch sehr wichtig, um die Familie zusammenzuhalten – sie haben die Verantwortung für so viele Personen.“

Samira möchte später einmal Friseurin werden und hat Freude daran die österreichische Küche zu entdecken. „Ich kann ein paar österreichische Gerichte kochen“, erklärt sie stolz, „zum Beispiel Apfelstrudel!“

Ameen ist entschlossen Österreich seine Dankbarkeit zu zeigen. Wenn er besser Deutsch spricht, hofft er, dass er für das Rote Kreuz oder die Caritas arbeiten kann – vielleicht sogar für die freiwillige Feuerwehr Gänserndorf.

„Österreich ist unser Zuhause“, sagt er glücklich, „ich bin bereits ein Österreicher.”

Englischer Originaltext von Henriette Schröder.

Zum Originalartikel und vielen Fotos der Familie geht es hier.

Von Henriette Schroeder, Übersetzung UNHCR Österreich