Das Erbe der Kaiserin von Österreich an die Flüchtlinge von heute

Flüchtlinge in der Ukraine profitieren vom Testament der Kaiserin Elisabeth, die einen Teil ihres Vermögens für wohltätige Zwecke hinterließ.

Erlöse aus dem Verkauf von Sisis Tagebuch werden der Arbeit von UNHCR in der Ukraine zugutekommen.

Kaiserin Elisabeth von Österreich, liebevoll Sisi genannt, war zu ihrer Zeit dafür bekannt, die Hofetikette zu verachten und sich für das einfache Volk einzusetzen. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass die glamouröse Ehefrau von Kaiser Franz Joseph ein Testament hinterließ, das bis heute Bedürftige und Verfolgte begünstigt. Dank ihrer Hinterlassenschaft ist UNHCR in der Lage, die wichtige Arbeit für Flüchtlinge in der Ukraine, wo derzeit rund 2.600 Flüchtlinge leben, fortzusetzen.

In ganz Mittel- und Osteuropa ist Sisi eine Ikone. Jeder kennt die „Sissi”-Filme der 1950er Jahre mit der österreichischen Schauspielerin Romy Schneider. In Wien ist Sisi nach Mozart die zweitgrößte Attraktion für TouristInnen, und in diesem Jahr hat das Sisi-Museum bisher fast eine Million BesucherInnen aus der ganzen Welt angezogen.

In genau diesem Museum, unter dem berühmten Porträt von Sisi, in dem sie Sterne im Haar trägt, überreichte Thomas Jentzsch, Geschäftsführer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, der stellvertretenden Leiterin von UNHCR Ukraine, Noel Calhoun, einen Scheck in der Höhe von 15.000 Euro. „Wir werden das Geld so verwenden, wie es sich Sisi gewünscht hätte – um Flüchtlinge zu schützen“, bekräftigte Frau Calhoun.

Noel Calhoun, stellvertretende Leiterin von UNHCR Ukraine, Thomas Jentzsch, Geschäftsführer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Olivia Lichtscheidl, Sisi-Expertin des Museums und Christoph Pinter, Büroleiter von UNHCR Österreich, bei der Scheckübergabe

Sisi, die aus einer großen bayrischen Familie stammte, trat 1854 mit nur 16 Jahren an den engstirnigen kaiserlichen Hof ein. Sie wurde jung Mutter und musste den Tod von zwei ihrer vier Kinder miterleben.  Den Ausweg aus der Trauer fand sie Jahre später durch das Reisen und ihre Wohltätigkeitsarbeit. 1898 wurde Sisi in Genf von einem italienischen Anarchisten ermordet.

„Die Mythen über Sisi verbreiteten sich unmittelbar nach ihrem Tod“, so Olivia Lichtscheidl, eine Sisi-Expertin. „Sie ist nicht in ihrem Bett gestorben. Sie war faszinierend, talentiert und aktiv – eine Frau, die ihrer Zeit voraus war. “

Obwohl sie ihr Korsett stets fest schnürte, um eine Wespentaille zu behalten, war Sisi nicht nur von ihrer eigenen Schönheit besessen. Sie hatte ein Herz für Ungarn und ihr Einfluss trug zu einem historischen Kompromiss bei, der schließlich zur Doppelmonarchie Österreich-Ungarn führte. Sie plädierte für Gnade für politische Gefangene und Empathie für psychisch kranke Menschen.

Emanzipiert und klug musste Sisi viel Kritik einstecken – dafür dass sie nicht so viel aß und viel Sport trieb – „Dinge, die wir heute normal finden würden“, so Frau Lichtscheidl. „Eine der Mythen über Sisi war, dass sie nicht viel für ihr Volk tat. Das liegt daran, dass sie viele ihrer sozialen Besuche inkognito machte.“

Eines von Sisis Anliegen war die Ausbildung junger Mädchen, deren Väter im Krieg gestorben waren – ein möglicher Grund, warum ihr Testament heute zum Wohle von Flüchtlingen ausgelegt wird.

Das gespendete Geld stammt aus dem Verkauf eines Tagebuchs, das Sisi in den 1880er Jahren schrieb. Sie zeigte sich der wenig fortschrittlichen Monarchie gegenüber kritisch und ließ das Tagebuch nicht in den österreichischen Archiven verwahren, sondern bei der Schweizer Regierung mit einem Publikationsembargo von 60 Jahren.

1980 entschied der Schweizer Bundesrat, dass UNHCR der beste Empfänger für Sisis Erbe sein würde, und in regelmäßigen Abständen erhält das UN Flüchtlingshochkommissariat deshalb die Tantiemen von Sisis Tagebuch, das vom Verlag der  Österreichischen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht wurde.

Sisis Testament ist an „eine liebe zukünftige Seele“ gerichtet und bittet darum, dass der Erlös aus ihrem Tagebuch „dem Wohle der politisch Verurteilten und ihrer bedürftigen Verwandten“ zugutekommt. Sie sagt voraus, dass „in 60 Jahren, so wenig wie heute, Glück und Frieden, das heißt Freiheit, auf unserem kleinen Planeten herrschen werden“.

„Natürlich kann ich nicht für Kaiserin Sisi sprechen“, so Herr Jentzsch von der Akademie der Wissenschaften. „Aber ihr Testament macht deutlich, dass sie annahm, dass die heutige Welt nicht friedlich sein würde. Teile der heutigen Ukraine gehörten zum österreichischen Kaiserreich, daher bin ich mir sicher, dass sie mit der Spende zufrieden sein würde. Wir sind die ‚zukünftigen Seelen ‘, die ihren Willen erfüllen.“

Laut Noel Calhoun wird das Geld einem bestehenden UNHCR-Programm in der Ukraine zugutekommen, das Flüchtlingen Sprachkurse und Berufsausbildungen ermöglicht, um ihnen zu helfen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

„Dank Sisi werden wir ein bisschen mehr tun können“, zeigte sie sich erfreut.

Sie fügte hinzu, dass sie kürzlich afghanische Frauen in einem Sprachkurs beobachtet hatte, die gelernt hatten, auf Ukrainisch zu sagen, dass sie lieber Musik hören als abzuwaschen: „Genau das hätte Sisi gefallen.“