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Der weite Weg aus den afghanischen Bergen ins TV-Rampenlicht

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Der weite Weg aus den afghanischen Bergen ins TV-Rampenlicht

Als kleiner Junge in Afghanistan war Bagher Ahmadi von den bewegten Bildern im Fernsehen fasziniert. Mit 13 Jahren musste er aus seiner Heimat flüchten, aber die Sehnsucht nach dem Rampenlicht hat ihn auf seinem steinigen Weg nach Österreich nie verlassen.

Heute lebt er in Wien, steht auf Theaterbühnen, spielt in Film- und Fernsehproduktionen – und hat sich seinen Traum erfüllt, Schauspieler zu sein.
9. Februar 2026
Junger Mann mit dunklen Haaren bei Filmdreh

Bagher Ahmadi bei einem Filmdreh der Schauspielschule im Jahr 2018 in Wien. 

Geboren wurde Bagher 1996 in der Provinz Daikundi in Zentralafghanistan, einer abgelegenen, bergigen Region, in der Landwirtschaft das Leben bestimmt und grundlegende Infrastruktur wie regelmäßiger Schulbesuch oder Stromversorgung keine Selbstverständlichkeit sind. Auch Fernsehgeräte waren selten.
„Meine Nachbarn hatten einen Fernseher. Dort konnte ich manchmal Filme schauen“, erinnert sich Bagher. „Ich habe oft bei ihnen angeklopft, um mitzuschauen. Wenn sie mir nicht öffneten, hatte ich von unserem Dach aus trotzdem einen guten Blick auf den Bildschirm.“

Eine Gruppe Kindern steht in zwei Reihen und blicken in die Kamera

Ein Foto aus Baghers Kindheit in Afghanistan zeigt ihn (roter Pfeil) beim Schulbesuch in der Provinz Daikundi in Zentralafghanistan.

Baghers Traum

Diese kurzen, intensiven Eindrücke reichten aus, um seine Faszination für Geschichten und Bilder zu wecken – und früh den Wunsch entstehen zu lassen, selbst Teil solcher Erzählungen zu sein. Mit 13 Jahren floh Bagher in den Iran. Dort arbeitete er mehrere Jahre unter schwierigen Bedingungen, unter anderem als Schneider in Teheran. Trotz langer Arbeitstage ließ ihn sein Traum nicht los: Er nahm an einer inoffiziellen Schauspielklasse teil und spielte sogar in einer iranischen Fernsehproduktion mit.
„Unser Lehrer hat uns damals gesagt, wir sollen unsere Umgebung genau beobachten“, erzählt Bagher. „Ich habe Menschen imitiert, Gesten und Stimmen ausprobiert. Das hat mich manchmal in schwierige Situationen gebracht, mir aber auch geholfen, meine Schüchternheit zu überwinden.“

Flucht und Ankommen in Österreich

2012 musste Bagher erneut flüchten. Als junger Afghane ohne Dokumente und Familie lebte er im Iran ohne rechtlichen Schutz und damit auch in ständiger Angst, festgenommen oder abgeschoben zu werden. Der gefährliche Weg nach Europa führte ihn über mehrere Länder, mit Schleppern, in Transportern und zu Fuß. Durch Zufall landete er in Österreich – mit nur 50 Euro in der Tasche und ohne Deutschkenntnisse. Nach mehreren Monaten im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen kam er in eine Einrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Oberösterreich. Dort begann ein neuer Abschnitt: Deutsch lernen, Sport treiben und allmählich ankommen.

Junger Mann beim Kampfsport kickt das rechte Bein in die Höhe

Als Bagher noch in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge wohnte, waren Sport und Kickboxen eine wichtige Stütze beim Ankommen und eine Grundlage für seine spätere Ausbildung zum Stuntman.

Ein entscheidender Wendepunkt war seine Zeit am Gymnasium Dachsberg. „Dachsberg hat mir extrem geholfen“, sagt Bagher rückblickend. Hier stand er auch zum ersten Mal auf einer Bühne, in der Schulaufführung des Dschungelbuchs.
„Ich habe lange in anderen Sprachen gespielt, nie wirklich in meiner Muttersprache“, sagt er. „Je länger man mit einer Sprache arbeitet, desto schärfer werden die Worte. Sie nehmen Form an, werden konkreter.“ Trotz der neuen Sprache und des großen Lampenfiebers wurde ihm klar: Schauspiel ist mehr als ein Traum.

Mann schwingt auf einer laterne vor einem Riesenrat und blickt in die Kamera

Im Jahr 2016 zog Bagher nach Wien und begann 2017 Schaupiel zu studieren. Hier bei einem Stunt im Wiener Prater vor einem Riesenrad.

Ausbildung und erste große Rollen

2017 kam Bagher seinem Ziel einen weiteren Schritt näher. Er wurde an der Musik- und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien aufgenommen, wo er bis 2021 Schauspiel studierte.

Junger Mann mit dunklen Haaren steht vor Gebäude mit Schild

Bereits als Kind träumte Bagher Ahmadi davon, Schauspieler zu werden. Er steht vor dem Eingang der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (MUK), wo er von 2017 bis 2021 Schaupiel studierte.

Parallel dazu spielte er in Theater- und Filmproduktionen, unter anderem am Volkstheater Wien, am Landestheater Niederösterreich sowie in bekannten TV-Formaten wie „SOKO Donau“, „Tatort“ und „Schnell ermittelt“. Seine erste große Hauptrolle übernahm er als Moses in „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“.

Selfie-Aufnahme einer Frau mit blonden Haaren und eines Mannes mit dunkeln Haaren. Beide lächeln in die Kamera.

TV-Kommissarin Maria Furtwängler und Bagher Ahmadi bei den Dreharbeiten der deutschsprachigen TV-Krimi-Serie „Tatort“ im Jahr 2022.

Actionfilme und Drama stehen weiterhin auf seiner Wunschliste. Aus seiner Kindheit ist Bruce Lee ein großes Vorbild. Grundsätzlich ist Bagher offen für unterschiedliche Rollen, doch es zieht ihn eher zu positiven Figuren. Rollenwahl sei nie neutral, sagt er – sie präge auch, wie man als Mensch und Schauspieler wahrgenommen werde.

Zwei Männer sitzen auf einer Theaterbühne mit schwarzer Tafelwand und Kreidezeichnungen im Hintergrund

Bagher in der Rolle des „Moses“ im Stück „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans“ in einer Produktion des Wiener Volkstheaters im Jahr 2019.

Schauspieler und Autor

Neben dem Schauspiel hat Bagher sich auch dem Schreiben gewidmet. 2025 veröffentlichte er seine Autobiografie „Vom Schatten ins Licht“, in der er von Flucht, Ankommen und seinem Weg als Schauspieler erzählt. Auch im Rahmen des „Langen Tages der Flucht“ von UNHCR hielt er daraus Lesungen für Schulklassen und die interessierte Öffentlichkeit.

Mann in Tonstudio mit Kopfhörern sitzt vor einem Mikrofon und liest aus einem Buch

Bagher Ahmadi im Tonstudio beim Einlesen der Hörbuchversion seiner Autobiografie „Vom Schatten ins Licht“, erschienen 2025.

Das Schreiben wurde für ihn zu einem Moment des Innehaltens. Erst im Rückblick wurde ihm bewusst, wie viele Entscheidungen er ohne Vorbereitung treffen musste – und wie viel hätte schiefgehen können.
„Beim Schreiben habe ich erst verstanden, wie viel Glück ich hatte“, sagt Bagher. „Und auch, wie viele Türen sich geöffnet haben, von denen ich damals noch nichts wusste.“

Vorbereitung und Vertrauen

Diese Erkenntnis prägt heute auch seine Arbeit als Schauspieler. Rollen bereitet Bagher akribisch vor: Er liest viel, trainiert, arbeitet an Stimme und Körper. Gleichzeitig weiß er, dass es einen Moment gibt, in dem Vorbereitung allein nicht mehr trägt.
„Irgendwann kommt der Punkt, an dem man loslassen und es einfach tun muss“, sagt er.

Was für die Bühne gilt, gilt für ihn auch für das Leben: Nicht alles lässt sich planen. Manche Schritte entstehen erst im Gehen.

Mann mit Brille und dunkler Kleidung auf einer Theaterbühne im Freien.

Die Aufführung des Ein-Personen-Stücks „Draußen vor der Tür“ nach dem gleichnamigen Drama von Wolfgang Borchert wurde von Bagher Ahmadi adaptiert und inszeniert und hat im Rahmen des Kultursommers Wien im Jahr 2025 stattgefunden.

Mann vor dem Wiener Volkstheater blickt lächelnd in die Kamera

Vor dem Wiener Volkstheater, wo Bagher 2019 in den Produktion „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans“ die Rolle des „Moses“ gespielt hat.

Blick nach vorne

Heute lebt Bagher Ahmadi in Wien. „Ich wurde in Afghanistan geboren, aber in Österreich gemacht“, sagt er. Sein Ziel bleibt klar: als Schauspieler weiterzugehen – und anderen zu zeigen, dass es möglich ist, den eigenen Weg zu verfolgen, auch wenn nicht jeder Schritt von Anfang an sichtbar ist.

Mann neben blauer UN-Fahne lächelt in die Kamera

Bagher beim Besuch von UNHCR in der UNO City in Wien.

Ein Leitsatz begleitet ihn dabei bis heute:

„When you’re going through hell, keep going. Why would you stop there?
Wenn ich weitermache, kann es nur besser werden. Wenn ich stehen bleibe, bleibt alles, wie es ist.“