Aussetzung Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte: „Ich wünschte, mein Sohn und meine Tochter könnten miteinander spielen.“
Aussetzung Familiennachzug für subsidiär Schutzberechtigte: „Ich wünschte, mein Sohn und meine Tochter könnten miteinander spielen.“
Marie* lebt seit vier Jahren in Deutschland. Sie lernt Deutsch, hat einen Ausbildungsplatz in der Pflege gefunden und kümmert sich um ihren Sohn, der nach den Sommerferien eingeschult wird. Doch wer in diesem neuen Leben fehlt, ist ihre Tochter. Das Mädchen lebt bei Maries Schwester in einem westafrikanischem Land. Mutter und Tochter sind seit Jahren getrennt.
Dabei schien das Wiedersehen bereits in greifbarer Nähe. Marie hatte die notwendigen Schritte für eine Familienzusammenführung eingeleitet, ein DNA-Test hatte ihre Verwandtschaft bestätigt, und ihre Tochter war bereits in der deutschen Botschaft vorstellig geworden. Doch dann wurde der Familiennachzug für Menschen wie sie in Deutschland ausgesetzt. Seitdem ist ungewiss, ob und wann die beiden wieder zusammenleben können.
Familiennachzug ist ein rechtlicher Weg, der es Menschen mit Schutzstatus ermöglicht, ihre engsten Angehörigen nach Deutschland zu holen. In der Regel betrifft das Ehepartner, minderjährige Kinder oder, bei unbegleiteten Minderjährigen, die Eltern. Für Familien, die durch Verfolgung oder Krieg getrennt wurden, ist er oft die einzige Möglichkeit, wieder zusammenzuleben. Für Menschen mit Flüchtlingsstatus ist Familiennachzug in Deutschland weiterhin möglich. Für subsidiär Schutzberechtigte, wie Marie, ist das seit Juli 2025 nur noch in besonderen Härtefällen möglich. In der Praxis sind aber innerhalb eines Jahres erst sehr wenige solcher Visa erteilt worden.
Subsidiären Schutz erhalten Menschen, die im Asylverfahren nicht als Flüchtlinge anerkannt wurden, denen bei einer Rückkehr in ihr Herkunftsland aber Gefahren für ihr Leben und ihre Unversehrtheit drohen und die deshalb in Deutschland bleiben dürfen.
Für Marie bedeutet die politische Entscheidung zur Aussetzung des Familiennachzugs vor allem eines: schmerzliche Ungewissheit.
Marie war noch keine 17 Jahre alt, als ihr Vater sie gegen ihren Willen mit einem einflussreichen Mann aus einem benachbarten Ort verheiratete. Dort musste sie als jüngste von fünf Frauen leben. Sie erlebte Missbrauch. Schließlich gelang es Marie mit ihrer Tochter, die aus der Zwangsehe hervorging, zu entkommen.
Marie entschloss sich, auf der Suche nach einem sicheren Zuhause für die beiden in ein Nachbarland zu gehen, denn in ihrem Heimatland wäre sie nicht mehr sicher gewesen. Der Mann, den sie heitraten musste, sei sehr einflussreich, erklärt sie.
Wegen der Ungewissheit ließ sie ihre Tochter zunächst bei ihrer Schwester in im Heimatland, um sie später nachholen zu können.
„Ich kannte dort niemanden“
Doch ohne Geld und ohne soziales Netzwerk geriet Marie in die Hände von Menschenhändlern. Sie wurde mit weiteren Mädchen nach Marokko gebracht und ausgebeutet. In dieser Zeit wurde sie erneut schwanger. Sie bekam einen Sohn. Gemeinsam mit ihm gelang es ihr später, nach Europa zu kommen. Seit 2022 leben die beiden in Deutschland.
Hier versucht Marie, sich ein neues Leben aufzubauen. Ihr Sohn kommt bald in die Schule. „Jeden Morgen weckt er mich auf und fragt, wann die Schule anfängt“, erzählt Marie. Er freue sich darauf, endlich mit den anderen Kindern aus der Klasse zu spielen. Doch dann wird sie ernst: „Das wäre anders, wenn seine Schwester hier wäre. Dann würde er nicht aufwachsen wie ein Einzelkind.“
Die Trennung von ihrer Tochter belastet Marie jeden Tag. Das Mädchen hat eine Augenerkrankung, die nach Maries Angaben in ihrem Heimatland nicht behandelt werden kann. „In Deutschland wäre das möglich“, meint Marie. In ihr Heimatland zurückzukehren geht für Marie nicht. Sie befürchtet, dass ihr massive körperliche Gewalt durch ihren Ehemann und soziäle Ächtung durch die örtliche Gesellschaft drohen würden.
UNHCR setzt sich dafür ein, dass die Aussetzung des Familiennachzugs für subsidiär Schutzberechtigte aufgehoben wird. Denn Familiennachzug ist mehr als ein Verwaltungsverfahren. Er bringt Familien auf sicherem und legalem Wege wieder zusammen, gibt den von einer Familientrennung betroffenen Menschen eine Perspektive zurück und ist somit eine wichtige Grundlage dafür, in Deutschland anzukommen: die Sprache zu lernen, Arbeit zu finden und sich eine Zukunft aufzubauen.
Marie will nicht aufgeben. Doch die Sorge um ihre Tochter und die Enttäuschung sie vielleicht doch nicht zu sich holen zu können, nehmen sie psychisch sehr mit. „Ich will meine Geschichte trotzdem erzählen. Warum schweigen? Nur dann kann sich vielleicht etwas ändern“, so Marie.
*Name geändert.