Neun Jahre Tragödie, Durchhalten und Solidarität

UNHCR: Die Welt darf die Vertriebenen von Syrien nicht vergessen

Kutna, ein Flüchtling aus Syrien, sitzt zwischen Familienmitgliedern in dem Raum, in dem sie leben, in einem Wohnblock im Libanon. © UNHCR/Hannah Maule-ffinch

Während der Syrien-Konflikt in sein zehntes Jahr geht, erlebt das syrische Volk eine kaum vorstellbare Tragödie. Jeder zweite Mann, jede zweite Frau und jedes zweite Kind wurden seit Beginn der Krise im März 2011 vertrieben, oft mehrfach. Heute sind Syrer*innen die größte Gruppe von Flüchtlingen weltweit.

Jahr für Jahr hat das syrische Volk aber auch einen unbeschreiblichen Durchhaltewillen gezeigt. Während die Mehrheit der Flüchtlinge in den Nachbarländern unterhalb der Armutsgrenze lebt, sind die Menschen zugleich bestrebt, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten und eine Zukunft für sich und ihre Familie zu schaffen. Sie hoffen auf eine Rückkehr nach Hause, bereichern aber bis dahin die Wirtschaft der Länder, die sie großzügig aufgenommen haben.

In Nordwest-Syrien haben die Kämpfe seit Dezember zur Vertreibung von fast einer Million Menschen geführt. Sie leben unter entsetzlichen Bedingungen, während in anderen Teilen des Landes Familien und Gemeinschaften versuchen, ihr Leben wieder aufzubauen und nach vorne zu blicken – trotz Zerstörungen, nicht funktionierender Infrastruktur und schwerer wirtschaftlicher Probleme.

Aber die vergangenen Jahre haben auch eine bemerkenswerte Solidarität gezeigt. Die Regierungen und Völker der Türkei, des Libanons, von Jordanien, dem Irak, Ägypten und von vielen anderen Ländern außerhalb der Region haben Syrer*innen Schutz und Sicherheit gegeben, haben ihre Schulen, Krankenhäuser und nicht zuletzt ihre Häuser für Flüchtlinge geöffnet.

Die internationale Hilfe konnte immer weiter ausgedehnt werden, Dank der großzügigen Unterstützung von Regierungen, der privaten Wirtschaft und von einzelnen Menschen. Was als humanitäre Antwort auf die Krise begonnen hat, haben wichtige Entwicklungsakteure, wie etwa die Weltbank, weitergeführt. Ziel war und ist es, den Aufnahmeländern strukturierte Hilfe zu geben und den Durchhaltewillen sowohl der Flüchtlinge als auch ihrer Gastgeber*innen zu stärken. Seit 2012 konnten mehr als 14 Milliarden Dollar durch den Regional Response and Resilience Plan (3RP) erbracht werden. Das war die Anstrengung einer Koalition von 200 Partnern, koordiniert von UNHCR und UNDP. Und noch viel mehr wurde durch bilaterale Hilfe und andere multilaterale Mechanismen erbracht.

„Der Mut und der Durchhaltewillen der Syrer*innen macht mich demütig und bescheiden. Jeder neue Tag bedeutet Leid und Entbehrung für sie“, sagte der Hohe Kommissar der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, Filippo Grandi. „Während diese Krise in zehnte Jahr geht, mahne ich die Welt, die innerhalb Syriens vertriebenen und die ins Ausland geflohenen Menschen nicht zu vergessen. Wir müssen auch die Großzügigkeit der Nachbarländer anerkennen und unterstützen – eines der größten Beispiele der Solidarität in Jahrzehnten. Aber mehr Hilfe ist nötig.“

Nach neun Jahren sei nun die Herausforderung, die Unterstützung für die ganze Region nicht abreißen zu lassen. Das gelte gerade jetzt, wo einige Gastländer, zum Beispiel Libanon, in wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind. Der Regional Refugee Response and Resilience Plan war im letzten Jahr nur zu 58 Prozent gedeckt, trotz eines Bedarfs von 5,4 Milliarden Dollar. Die Schere zwischen den tatsächlichen Bedürfnissen und den verfügbaren Mitteln geht jeden Tag weiter auseinander. Ausbleibende Hilfe sowie begrenzter Zugang zum Gesundheitswesen und zu Bildung vergrößern jeden Tag das Risiko, dass Flüchtlingsfamilien immer verletzlicher werden. Verzweiflung zwingt manche Flüchtlinge dazu, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen und arbeiten zu lassen, damit sie die Familie unterstützen können. Andere kürzen ihre täglichen Mahlzeiten. Sie sind verletzlich für Ausbeutung und Missbrauch und manche landen auf der Straße, in viel zu frühen Ehen oder in der Kinderarbeit.

Neun Jahre des Konflikts haben Spuren in der gesamten Region hinterlassen. Die Aufnahmeländer brauchen weiter eine verlässliche und rechtzeitige Finanzierung, damit sie Millionen syrischer Flüchtlingen auch in Zukunft unterstützen können und beiden, Flüchtlingen wie Gastgeber*innen, neue Möglichkeiten geben können. Auch die, die ihr Recht auf Rückkehr in die Heimat ausüben wollen, brauchen Unterstützung. Der Globale Flüchtlingspakt, von den Vereinten Nationen im Dezember 2018 verabschiedet, gibt Regierungen und Privatsektor die Blaupause für einen gesamtgesellschaftlichen Ansatz zur Bewältigung von Flüchtlingskrisen durch ein durchdachtes Konzept und eine gerechtere Aufteilung der Verantwortung. Die syrischen Flüchtlinge und ihre Gastgeber*innen sind davon abhängig.