Jemen: Mittlerweile 545.000 Binnenvertriebene

UNHCR liefert dringend benötigte Hilfsgüter in schwer zugängliche Gebiete. Vor Ort mangelt es an Wasser und Nahrung, eine medizinische Grundversorgung kann derzeit nicht gewährleistet werden.

SANA’A, Jemen – Während der fünftägigen Feuerpause haben UNHCR und seine Partner im Jemen die Lage der Zivilbevölkerung in rund 40 Ortschaften erkundet. Tausende von Binnenvertriebenen leben unter enorm schwierigen Lebensbedingungen. Ihre Gesamtzahl wird mittlerweile auf 545.000 geschätzt.

Während der Feuerpause (die offiziell am Sonntagabend um 23.00 Uhr endete) konnte UNHCR Hilfsgüter einfliegen sowie aus den Häfen zu Verteilungszentren in Sana’a und Aden bringen. Hilfsgüter konnten auch in Regionen gebracht werden, die bislang aufgrund der Kämpfe kaum zugänglich waren. Sechs Flugzeuge brachten Hilfsgüter aus dem UNHCR-Depot in Dubai nach Sana’a. Von dort aus startend konnten zehn LKWs Aden erreichen. Die Fahrt dauerte drei Tage (anstatt wie geplant einen Tag). Die Verzögerungen ergaben sich aus Wartezeiten an Kontrollpunkten und den Ausbruch lokaler Kämpfe trotz Feuerpause.

Die Erkundungsmissionen wurden in 40 Distrikten von elf Gouvernements durchgeführt. Die Teams fanden eine traumatisierte Bevölkerung vor – verängstigt und wütend im alltäglichen Kampf ums Überleben.

In der Nähe von Sana’a wurden Gespräche mit Binnenvertriebenen geführt, die bei Gastfamilien untergekommen waren. Mehrere Familien leben nun unter einem Dach dicht zusammengedrängt, ohne ausreichende Wasserversorgung. Brennstoffknappheit macht es schwierig, Wasser zu pumpen, selbst da wo Brunnen vorhanden sind. Bereits vor dem Ausbruch des offenen Konflikts waren viele Menschen in jener Gegend ökonomisch sehr benachteiligt. Nun sind sie gänzlich auf Hilfe angewiesen. Es gibt für sie keine Arbeit mehr. Die Preise für Nahrungsmittel, Brennstoff und Trinkwasser (in Flaschen oder per Tankwagen) sind drastisch gestiegen. Kontrollpunkte, Unsicherheit und hohe Transportpreise schränken die Bewegungsfreiheit zudem ein. Der Zugang zur medizinischen Grundversorgung ist abgeschnitten. Viele Kinder wurden unterernährt aufgefunden. Die sich türmenden Müllberge lassen zudem die Verbreitung von Krankheiten befürchten.

In Aden traf ein Team ein Ehepaar mit ihren sieben Kindern, das jüngste gerade mal einen Monat alt. Sie lebten in einem Schulgebäude zusammen mit 53 weiteren Familien. Sie mussten ihr Zuhause in der Nähe von Aden zwei Wochen zuvor wegen der Kämpfe verlasen. Zwölf Kilometer zu Fuß brauchten sie, um in einer der vielen öffentlichen Gebäude eines Nachbardistrikts Unterkunft zu finden. Die Familie lebt in einem Zimmer ohne Elektrizität oder fließendes Wasser. Sie schlafen auf Werbeschildern aus Plastik, die während des jüngsten Häuserbeschusses auf die Straße gefallen sind.

Aus Sana’a berichten unsere Partner, dass das normale Leben fast zum Stillstand gekommen ist. Keine Elektrizität, 95 Prozent der Läden sind geschlossen. Wasser ist knapp, wegen des Treibstoffmangels gibt es kaum Verkehr auf den Straßen. Die meisten Menschen bleiben zu Hause und bewachen ihr Eigentum. Die Regierungsgebäude in der Stadt sind weitgehend zerstört, auch viele Läden in der Nähe von Verkehrsknotenpunkten, betroffen hiervon ist auch die Altstadt.