UNHCR verstärkt Reaktion auf eskalierende Gewalt und Vertreibung in der Sahelzone

Insgesamt beherbergt die Region, in der sich die Sicherheitslage immer weiter verschlechtert, bereits über eine Million Flüchtlinge und Binnenvertriebene.

Eine Gruppe vertriebener Burkinabè, hauptsächlich Frauen und Kinder, sitzt vor dem Haupthaus des Distriktverantwortlichen Diambendi Madiega, der derzeit rund 560 Menschen in und um sein Zuhause in Kaya, Burkina Faso, aufnimmt. © UNHCR/Sylvain Cherkaoui

Der UN-Flüchtlingshochkommissar, Filippo Grandi, beendete seinen Besuch in drei Ländern der Sahelzone. Er äusserte seine grosse Besorgnis über die sich rapide verschlechternde Situation in der gesamten Region, in der die eskalierende Gewalt immer mehr Menschen zur Flucht gezwungen hat.

„Die Notsituation ist hier, in der Sahelzone, wo Menschen leiden und getötet werden, wo Frauen vergewaltigt werden und Kinder nicht zur Schule gehen können“, sagte Grandi. „Die Sahelregion ist ein Ort, an dem wir rasch eingreifen müssen, bevor diese Krise nicht mehr zu bewältigen ist.“

Beim Treffen mit den Präsidenten von Burkina Faso und Niger sowie der Regierung von Mauretanien sprach der Hochkommissar seine Anerkennung dafür aus, dass diese Länder weiterhin Flüchtlinge willkommen heissen, während sie selbst von humanitären Krisen betroffen sind, wie in Niger und Burkina Faso.

„In der Sahelzone sind einige der ärmsten Länder der Welt gleichzeitig einige der grosszügigsten“, sagte Grandi und würdigte die Solidarität von Niger, Mauretanien und Burkina Faso mit den rund 165.000 Flüchtlingen aus Mali – einem Land, in dem keine Verbesserung der Sicherheitslage abzeichnet.

„Trotz der vielen Herausforderungen, die diese drei Länder bewältigen müssen, sehen wir in den meisten anderen Teilen der Welt kein derartiges Engagement“, meinte Grandi und lobte die Lösungen für langfristige Vertreibung, die den sozialen Zusammenhalt zwischen Aufnahmegemeinschaften, Flüchtlingen und Binnenvertriebenen (IDPs) stärken.

Die Zahl der Binnenvertriebenen in Burkina Faso hat sich allein im Jahr 2019 mit 560.000 Betroffenen verzehnfacht. Weitere 70.000 Menschen wurden im selben Jahr im benachbarten Mali vertrieben. Dadurch hat die Zahl der Vertriebenen dort die 200.000-Grenze überschritt. Insgesamt beherbergt die Region Zentralsahel derzeit über eine Million Flüchtlinge und Binnenvertriebene.

„Die Geschichten, die ich in Niger, Mauretanien und Burkina Faso gehört habe, sind schockierend. Geschichten über Morde durch bewaffnete Gruppen, Geschichten über die Zerstörung von Häusern, Schulen und Spitälern, Geschichten über Gewalt gegen Frauen“, sagte der Hochkommissar.

In der gesamten Region gibt es immer öfter willkürliche Angriffe bewaffneter und terroristischer Gruppen auf staatliche Institutionen und Sicherheitsdienste, auf Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Dieser Umstand verschärft die bestehenden sozialen Spannungen und die weitverbreitete Armut, da die lokalen Gemeinschaften häufig als erste helfen.

In der Region Liptako-Gourma, wo die gemeinsame Grenze von Mali, Burkina Faso und Niger verläuft, suchen Flüchtlinge, die aus Mali und Burkina Faso fliehen, häufig Schutz in Gebieten, die ebenfalls von Gewalt betroffen sind. Die überwiegende Mehrheit der Menschen, die vor Gewalt in der Region fliehen, sind Frauen und Kinder. Viele von ihnen wurden bereits mehrmals vertrieben. Lokale Gemeinschaften können angesichts der bitteren Armut in vielen Teilen der Sahelzone nur sehr begrenzte Unterstützung anbieten.

In Ouallam, in der nigrischen Region Tillabéri, wurde Filippo Grandi von einer Gemeinschaft von 5.000 Flüchtlingen begrüsst, von denen viele seit 2012 in Zelten in einem Lager nahe der malischen Grenze lebten, bis die jüngste Gewalt sie dazu zwang, wieder zu flüchten. Die gleiche Gewalt, vor der diese Vertriebenen flüchten mussten, zwang auch viele Menschen aus Niger dazu, ihre Häuser zu verlassen. Filippo Grandi hörte schmerzliche Geschichten über die Drohungen, die sie von bewaffneten Gruppen erduldeten, und die sie letztendlich dazu zwangen, ihre Dörfer mit wenig mehr als den Kleidern am Leib zu verlassen.

In Kaya und Dori in Burkina Faso traf sich der UN-Flüchtlingshochkommissar mit Überlebenden eines Angriffs auf ein in der Nähe gelegenes Dorf, bei dem vor einigen Tagen etwa 20 Menschen getötet wurden. Ihre Berichte über den furchtbaren nächtlichen Angriff auf ihr Dorf, bei dem Männer und Jungen getötet, Frauen vergewaltigt, Häuser geplündert und Schulen sowie andere Infrastrukturen zerstört wurden, waren erschreckend.

Die wachsende Unsicherheit erschwert die humanitäre Hilfe, da sie den Zugang humanitärer HelferInnen zu den bedürftigen Menschen stark behindert. Die zur Flucht gezwungenen Menschen und die Gemeinden, in denen sie leben, benötigen dringend Unterkünfte, Nahrung, Wasser, Schutz, Gesundheit und Bildung.

Trotz der Unsicherheit und des Anstiegs der Vertriebenen innerhalb der Länder, zeigt die Region vorbildliche Solidarität mit Flüchtlingen. In Mauretanien traf Filippo Grandi einige der fast 60.000 malischen Flüchtlinge, die vor über acht Jahren geflohen waren, und sprach mit ihnen über die Grosszügigkeit der Gemeinden, in denen sie leben. In Niger wird der soziale Zusammenhalt beispielsweise mit innovativen dauerhaften Wohnmöglichkeiten verstärkt, wo die lokale Bevölkerung, Flüchtlinge und Binnenvertriebene zusammenleben.

„Die Antwort auf die Krise in der Sahelzone darf nicht nur aus Sicherheitsmassnahmen bestehen. Der umfassende Schutz derjenigen, die zur Flucht gezwungen sind, muss der Kern unserer Reaktion auf diese Vertreibungskrise bleiben“, so Filippo Grandi.

Dies schliesst auch eine bessere Koordinierung zwischen zivilen und militärischen Behörden mit ein, um den Zugang zu sofortiger Hilfe zu gewährleisten. Es ist auch wichtig, die Voraussetzungen für humanitäre PartnerInnen und EntwicklungsakteurInnen zu schaffen, um Lösungen für die betroffene Bevölkerung zu finden.

Angesichts einer Vertreibungskrise dieser Grössenordnung bekräftigt UNHCR die Forderung nach Schutz für diejenigen, die vor Gewalt fliehen. Die Regierungen der Sahelzone bekräftigten ihre Zusagen, die Zivilbevölkerung gegen Terrorismus zu schützen. Sie betonten ausserdem, wie wichtig es ist, dass Vertriebene Personenstandsurkunden, Personalausweise und die Staatsangehörigkeit erhalten, um Zugang zu Bildung, Arbeitsplätzen, Wohnraum oder Gesundheitsversorgung zu haben und Staatenlosigkeit zu verhindern.

UNHCR betont, dass die Bewältigung der humanitären Bedürfnisse in der Sahelzone nicht auf Kosten anderer regionaler Krisen gehen darf. Die Sahelzone ist auch von der Krise in der benachbarten Region des Tschadsees betroffen, in der schätzungsweise 2,8 Millionen Vertriebene leben. Dort ist es ebenso wesentlich, den Zugang zu humanitären Einrichtungen und den Schutz von Flüchtlingen zu gewährleisten. Es ist essenziell, das Risiko einer Destabilisierung der gesamten westafrikanischen Region zu vermeiden, da sich die unsichere Lage dann weiter ausbreitet.

„Frieden, Sicherheit und Entwicklung sind der Schlüssel zum Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und den Gemeinden, in denen sie leben“, meinte Grandi. „Die Regierungen sollen bei ihren Bemühungen, Flüchtlinge und ihre Aufnahmegemeinschaften zusammenzubringen, unterstützt werden. Humanitäre und entwicklungspolitische AkteurInnen müssen daran arbeiten, den Zugang zu Bildung, Gesundheit und wirtschaftlichen Möglichkeiten zu gewährleisten“, fügte er hinzu. „Durch die Bekämpfung der Ursachen dieser Krise wird es möglich, dauerhafte Lösungen zu finden. Dies bedeutet auch, die Auswirkungen des Klimawandels sowie die Auswirkungen der Vertreibung auf die Natur zu berücksichtigen.“